Overlay
Livekritik zu

Festspiel-Liederabend Christian Gerhaher

17.07.2017 | München [ Altstadt/Lehel ] / Nationaltheater
« zurück zur Veranstaltungsseite
cgohlke
am 24.07.2017

Schön, aber harmlos

Christian Gerhaher, Gerold Huber und Ulrich Tukur mit Johannes Brahms‘ „Die schöne Magellone“ bei den Münchner Opernfestspielen

 

Die Geschichte vom mutigen und treuen Ritter Peter und der schönen Magelone, die Ludiwig Tieck geschrieben und im Jahr 1797 als Teil seiner Märchen veröffentlicht hat, kennt heute kaum noch jemand, und vermutlich wäre sie ganz vergessen, hätte nicht Johannes Brahms fünfzehn der insgesamt siebzehn in den Text eingestreuten Gedichte vertont. Brahms arbeitete von 1861 bis 1869 an den Liedern. Wer den Zyklus heute aufführt, steht vor der grundsätzlichen Frage, ob Brahms‘ Lieder unabhänig von der Handlung, die Tieck erzählt, bestehen können, oder ob sie doch einer bestimmten Situation Ausdruck verleihen, die nur durch den Kontext der Geschichte eingelöst werden kann.

Christian Gerhaher und Gerold Huber, die mit dem Zyklus nun im Rahmen der Opernfestspiele im ausverkauften Münchner Nationaltheater zu Gast waren, verstehen die Lieder als lyrische Reflexion der Handlung, die demnach irgendwie erzählt sein will. Zu diesem Behuf hat Martin Walser die abenteuerliche Geschichte nachgeschrieben und so den Kontext wieder hergestellt, aus dem heraus Brahms die Texte einst gelöst hat.

Dieses Verfahren rückt den Zyklus in die Nähe eines Singspiels – denn nun wird begreiflich, dass nicht alle Lieder von Peter, dem mutigen und treu liebenden Ritter, gesungen werden: Nicht nur Magelone kommt in Lied Nr. 11 direkt zu Wort, sondern auch die (übrigens erfolglose) Nebenbuhlerin Sulima in Lied Nr. 13. Das ist stimmig und erhellend, wirft aber die Frage auf, warum Brahms ausgerechnet die beiden letzten Texte nicht vertont hat. Fehlt da im Zyklus nicht der eigentliche Höhepunkt, nämlich die Wiedervereinigung der lange getrennten Geliebten? Der Abend im Münchner Nationaltheater vermittelte just diesen Eindruck.

Ulrich Tukur las die Texte Martin Walsers mit dem ihm eigenen spitzbübischen Charme. Das war vergnüglich anzuhören, kurzweilig und amüsant und erinnerte ein wenig an Loriots „Ring an einem Abend“, zumal Tukur dem Text eher mit zärtlich parodistischer Distanz als mit Emphase begegnete. Freilich verschieben sich bei einer solchen Aufführung die Gewichte. Der Abend dauerte ungefähr 90 Minuten. Etwa ein Drittel war also der Rezitation der Übergangstexte gewidmet. Die Lieder werden so notwendig relativiert.

Christian Gerhaher gestaltete sie nuanciert und farbenreich. Gleich im ersten Lied, das ja eine Art von Einleitung darstellt und noch nicht zur eigentlichen Handlung gehört, war bewegend zu hören, wie er seinen so wohlklingenden Bariton abdunkelte, als von der Erinnerung an die schöne Jugendzeit die Rede ist, die wie ein Lichtstrahl in die Dämmerung fällt. Bemerkenswert, wie textverständlich Gerhaher die Lieder gestaltet! Kaum ein Wort geht verloren, jedes wirkt bedacht und geformt. So trägt er das Ende des Lieds Nr. 4 mit wilder Entschlossenheit vor („Fröhlichen Ruderschlags fahr‘ ich hinab, / Bring‘ Liebe und Leben zugleich an das Grab.“) Und so gestaltet er „So tönet denn, schäumende Wellen“ mit opernhaft großer Geste als äußersten Kontrast zum vorausgehenden „Ruhe, Süßliebchen“. Gerold Huber ist ihm dabei mehr als nur ein Begleiter. Bezwingend formt er die Übergänge von Strophe zu Strohe, besonders schön vielleicht im Lied Nr. 8 („Wir müssen und trennen“) zwischen der vorletzten und letzten Strophe. Nur die schweren, schreitenden Oktavbässe, mit denen Brahms die „bleibehangenen Fuße“ der Zeit malt, hätte man sich noch etwas deutlicher markiert denken können, wie vielleicht insgesamt gerade Lied Nr. 6 „Wie soll ich die Freude, / Die Wonne denn tragen?“ eine Spur zu harmlos geriet. Und das gilt dann vielleicht doch nicht nur für dieses Lied – sondern wegen der eher humoristisch angelegten Zwischentexte für den ganzen Abend.

München, am 17. Juli 2017

Schön, aber harmlos

Christian Gerhaher, Gerold Huber und Ulrich Tukur mit Johannes Brahms‘ „Die schöne Magellone“ bei den Münchner Opernfestspielen

 

Die Geschichte vom mutigen und treuen Ritter Peter und der schönen Magelone, die Ludiwig Tieck geschrieben und im Jahr 1797 als Teil seiner Märchen veröffentlicht hat, kennt heute kaum noch jemand, und vermutlich wäre sie ganz vergessen, hätte nicht Johannes Brahms fünfzehn der insgesamt siebzehn in den Text eingestreuten Gedichte vertont. Brahms arbeitete von 1861 bis 1869 an den Liedern. Wer den Zyklus heute aufführt, steht vor der grundsätzlichen Frage, ob Brahms‘ Lieder unabhänig von der Handlung, die Tieck erzählt, bestehen können, oder ob sie doch einer bestimmten Situation Ausdruck verleihen, die nur durch den Kontext der Geschichte eingelöst werden kann.

Christian Gerhaher und Gerold Huber, die mit dem Zyklus nun im Rahmen der Opernfestspiele im ausverkauften Münchner Nationaltheater zu Gast waren, verstehen die Lieder als lyrische Reflexion der Handlung, die demnach irgendwie erzählt sein will. Zu diesem Behuf hat Martin Walser die abenteuerliche Geschichte nachgeschrieben und so den Kontext wieder hergestellt, aus dem heraus Brahms die Texte einst gelöst hat.

Dieses Verfahren rückt den Zyklus in die Nähe eines Singspiels – denn nun wird begreiflich, dass nicht alle Lieder von Peter, dem mutigen und treu liebenden Ritter, gesungen werden: Nicht nur Magelone kommt in Lied Nr. 11 direkt zu Wort, sondern auch die (übrigens erfolglose) Nebenbuhlerin Sulima in Lied Nr. 13. Das ist stimmig und erhellend, wirft aber die Frage auf, warum Brahms ausgerechnet die beiden letzten Texte nicht vertont hat. Fehlt da im Zyklus nicht der eigentliche Höhepunkt, nämlich die Wiedervereinigung der lange getrennten Geliebten? Der Abend im Münchner Nationaltheater vermittelte just diesen Eindruck.

Ulrich Tukur las die Texte Martin Walsers mit dem ihm eigenen spitzbübischen Charme. Das war vergnüglich anzuhören, kurzweilig und amüsant und erinnerte ein wenig an Loriots „Ring an einem Abend“, zumal Tukur dem Text eher mit zärtlich parodistischer Distanz als mit Emphase begegnete. Freilich verschieben sich bei einer solchen Aufführung die Gewichte. Der Abend dauerte ungefähr 90 Minuten. Etwa ein Drittel war also der Rezitation der Übergangstexte gewidmet. Die Lieder werden so notwendig relativiert.

Christian Gerhaher gestaltete sie nuanciert und farbenreich. Gleich im ersten Lied, das ja eine Art von Einleitung darstellt und noch nicht zur eigentlichen Handlung gehört, war bewegend zu hören, wie er seinen so wohlklingenden Bariton abdunkelte, als von der Erinnerung an die schöne Jugendzeit die Rede ist, die wie ein Lichtstrahl in die Dämmerung fällt. Bemerkenswert, wie textverständlich Gerhaher die Lieder gestaltet! Kaum ein Wort geht verloren, jedes wirkt bedacht und geformt. So trägt er das Ende des Lieds Nr. 4 mit wilder Entschlossenheit vor („Fröhlichen Ruderschlags fahr‘ ich hinab, / Bring‘ Liebe und Leben zugleich an das Grab.“) Und so gestaltet er „So tönet denn, schäumende Wellen“ mit opernhaft großer Geste als äußersten Kontrast zum vorausgehenden „Ruhe, Süßliebchen“. Gerold Huber ist ihm dabei mehr als nur ein Begleiter. Bezwingend formt er die Übergänge von Strophe zu Strohe, besonders schön vielleicht im Lied Nr. 8 („Wir müssen und trennen“) zwischen der vorletzten und letzten Strophe. Nur die schweren, schreitenden Oktavbässe, mit denen Brahms die „bleibehangenen Fuße“ der Zeit malt, hätte man sich noch etwas deutlicher markiert denken können, wie vielleicht insgesamt gerade Lied Nr. 6 „Wie soll ich die Freude, / Die Wonne denn tragen?“ eine Spur zu harmlos geriet. Und das gilt dann vielleicht doch nicht nur für dieses Lied – sondern wegen der eher humoristisch angelegten Zwischentexte für den ganzen Abend.

München, am 17. Juli 2017

Besucherfazit

Schön, aber harmlos

Bewertung

  • Fazit
  • Unterhaltung
  • Anspruch
  • Preis/Leistung
  • Atmosphäre
Titel: 
Die schöne Magelone
0 Personen fanden diese Livekritik hilfreich.
Konnte Ihnen diese Livekritik helfen?
Ja
Ort: 
München, Staatsoper
Zeitraum: 
Juli 2017

Zuletzt aktive Livekritiker

  • Katja Marquardt
  • Erzählung
  • Frollain Wunder
  • A.-K. Iwersen
  • Julia Schell
  • Iris Gutheil
  • Michelle Onstein
  • Johannes Jiang
  • Konrad Kögler @ daskulturblog
  • Hundert11 - Konzertgänger in Berlin
  • Dresdner Kabarett Breschke und Schuch
  • august14979
  • Elisaveta K. Yordanova
  • Cristóbal Marrero-Winkens
  • Holger Kurtz
  • Annette Finkl
  • Katharina Hö
  • Ulf Valentin
  • AnneW
  • Iris Souami
  • Luisa Mertens

Für Freikarten und Kulturtipps

Machen Sie mit

Kultur erleben

  • Erhalten Sie Informationen zu Veranstaltungen, die Sie wirklich interessieren.
  • Austauschen mit anderen Livekritikern.
  • Gewinnen Sie Freikarten.
Jetzt kostenlos registrieren!