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Livekritik zu

Die Gezeichneten

01.07.2017 - 11.07.2017 | München [ Altstadt/Lehel ]
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cgohlke
am 12.07.2017

Verrucht

Franz Schrekers „Die Gezeichneten“ in München

Ein Jahr vor der Uraufführung von Richard Straussens „Die Frau ohne Schatten“ hatte in Frankfurt Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ Premiere. Das Stück hatte großen Erfolg, und 1919 wurde es unter der Leitung des damaligen Generalmusikdirektors Bruno Walter in München gespielt. Dass Schrekers Werk trotz großer Popularität während seiner Lebzeiten anders als das von Richard Strauss rasch in Vergessenheit geriet, ist dem Umstand geschuldet, dass es von den Nazis geächtet wurde. Schreker (sein Vater war Jude) wurde in den 1930er Jahren zum Rücktritt von all seinen Ämtern gezwungen. 1934 starb er an einem Herzanfall.

In München sind die „Gezeichneten“ nach fast 100 Jahren wieder im Nationaltheater zu sehen. Die Opernfestspiele wurden mit dieser Komposition eröffnet. Eine schöne Geste ist das zweifellos. Lohnt die Wiederentdeckung auch künstlerisch?

Die Geschichte, die in den „Gezeichneten“ erzählt wird, ist einigermaßen krude – und, da Schreker den Text selbst verfasst hat, sprachlich nicht frei von mitunter schwer erträglichem Schwulst. Der hässliche, aber reiche Salvago findet in Carlotte eine Frau, die ihn unerwartet liebt. Der Malerin haben es die Augen des Mannes angetan. Dummerweise ist auch Graf Tamare in Carlotta verliebt. Daraus entwickelt sich eine schwer entwirrbare Handlung, in der es ziemlich wild zugeht: Orgien werden gefeiert, Frauen geraubt und geschändet, Intrigen gesponnen, es kommt zu Verrat und Untreue, Mord und Wahnsinn. Die Themen Sexualität, Künstlertum und Gesellschaft werden so miteinander verwoben. Das Stück ist nicht nur thematisch den Topoi der Jahrhundertwende verpflichtet, sondern auch musikalisch lässt das Wiener Fin de Siècle grüßen: Ein großer Orchesterapparat erzeugt feine Klangmischungen.

Ingo Metzmacher, der mit dieser Premiere sein Debut an der Bayerischen Staatsoper gab, kostet diesen Farbenreichtum weidlich aus, wobei er, besonders in den ersten beiden Akten, immer wieder darum bemüht ist, einen allzu schwelgerischen Ton zu meiden. Das Staatsorchester musiziert unter seiner Leitung präzise und höchst flexibel in der Tongebung und Tempowahl. Auch die Besetzung dieses Abends überzeugt: John Deszak stemmt die schwierige Partie des Salvago mit einem vielleicht etwas monochromen, dafür aber kraftvollen und ausdauernden Tenor. Sein Widerpart Tamare ist mit Christopher Maltman ideal besetzt: dunkel und warm klingt seine Stimme und verleiht dem Grafen erotische Ausstrahlung. Catherine Naglestad singt die Carlotta mit zuweilen etwas spitzem Ton. Da hätte man sich wohl einen lyrischeren Sopran wünschen können. Gleichwohl überzeugt sie darstellerisch in dieser Partie.

Krzysztof Warlikowski bleibt mit seiner Regie die entscheidende Frage schuldig: Warum soll man diese Oper heute noch zeigen? Darauf weiß er keine Antwort. Seine Regie berzeugt, wenn sie sozusagen herkömmlich die Psychologie der Figuren ausleuchtet. Dabei gelingen ihm immer wieder starke Momente. Aber sein Hang zur Collage und Montage von Filmzitaten, dem er hier ziemlich nachgibt, erhellt die dunkle Geschichte kaum. Ein Opernabend also, der aus historischen Gründen durchaus interessant ist – und der das Qualitätsgefälle zwischen Schreker und Strauss ins Bewußtsein rückt. Gerade jetzt, da die Staatsoper an einem Tag die „Frau ohne Schatten“ und am anderen „Die Gezeichneten“ spielt (beides von Warlikowski inszeniert) wird das deutlich. Ein Erkenntnisgewinn. Immerhin.

 

München, 4. Juli 2017

 

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Titel: 
Die Gezeichneten
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Ort: 
München, Staatsoper
Zeitraum: 
Juli 2017

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