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Livekritik zu

Le Sacre du printemps/Das Mädchen und der Messerwerfer

14.06.2014 - 19.06.2014 | München / Reithalle München
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cgohlke
am 20.06.2014

Sandkastenspiele und Opferriten

„Le sacre du printemps“ und „Das Mädchen und der Messerwerfer“ am Bayerischen Staatsballett

Seit der skandalösen Uraufführung von Strawinskys „Le Sacre du printemps“ im Jahr 1913 haben viele bedeutende Choreographen immer neue Versionen des „Frühlingsopfers“ erarbeitet. Eine davon stammt von Mary Wigman. Sie hatte 1957 in Berlin Premiere. Jetzt, über 50 Jahre später, ist diese Fassung mit Hilfe des Tanzfonds Deutschland aufwendig rekonstruiert worden. Henrietta Horn hat unter Mitarbeit von Susan Barnett und Katherina Sehnert die Neueinstudierung übernommen. Premiere war zunächst in Osnabrück, dann in Bielefeld. Jetzt ist „Le sacre“ auch in München zu sehen. Das Projekt fügt sich sehr gut ins Programm des Bayerischen Staatsballetts, dessen breites Repertoire nicht nur Werke des Handlungsballetts oder der Moderne umfasst, sondernd das sich bewusst auch mit dem Erbe des Ausdruckstanzes auseinandersetzt. Wigmans Arbeit ist in dieser Spielzeit zunächst in der kleinen Reithalle in der Fassung für zwei Klaviere, in der nächsten Saison dann auch mit großem Orchester zu erleben. Wie im Jahr 1957 wird auf einer um acht Grad geneigten Ellipse getanzt. Für den Zuschauer hat das den Vorteil, dass die streng anmutende, klar konturierte, häufig symmetrisch angelegte Choreographie besonders gut zu sehen ist. Die Kostüme (Alfred Peter nach Wilhelm Reinking) haben simple Formen, sind von eher schmutziger Farbe und muten in ihrer Strenge archaisch – und ein wenig altbacken an. Aber sie passen zur wuchtigen tänzerischen Umsetzung der Musik, die Myron Romanul und Simon Murray am Flugel mit Verve zum Leben erwecken. Sicher, eigentlich bedarf diese Opferzeremonie des großen Orchesters, aber die beiden Pianisten spielen mit solcher Dramatik, dass man die Einbuße kaum wahrnimmt. Die Tänzer des Staatsballetts (also der Chor der Mädchen und der Chor der Männer) bewegen sich dazu oft rhythmisch stampfend oder wippend. Schnell vorwärtsgleitende Schritte, feierliches Schreiten, ein Vibrieren der Körper – das sind unter anderem die Elemente, die Wigman einsetzt. Wie bei den chorischen Szenen geht es auch bei der Darstellung der Erwählten nicht um technische Perfektion als Selbstzweck, sondern darum, sich mit kleinen, eher unscheinbaren Bewegungen auszudrücken. „Tanzen“, schrieb Mary Wigman, „Tanzen heißt, sich bewegen, innere unsichtbare Bewegtheit zu körperlich sichtbarer Bewegung zu wandeln.“ Ilana Werner gelingt das als der Erwählten eindrucksvoll. Vielleicht hätte man sich am Ende, wenn die Geweihte, wie Wigman schreibt, „in wollüstiger Raserei über den Erdboden“ jagt, weniger Kontrolle und mehr Ekstase gewünscht. Gleichviel, es ist auch heute noch beeindruckend, Wigmans Arbeit zu sehen.

Versteht man das „Frühlingsopfer“ als ein Ballett über eine Gemeinschaft, die ein Opfer verlagt, so passt Simone Sandronis „Das Mädchen und der Messerwerfer“ am Ende vielleicht gar nicht schlecht als eine zeitgenössische Ergänzung dazu. Premiere hatte Sandronis Arbeit 2012, jetzt wird sie vor „Le sacre“ gezeigt. Sandroni hat sich bei seiner Choreographie an Wolf Wondratscheks Gedichtzyklus orientiert. Doch freilich ist seine Arbeit keine direkte tänzerische Umsetzung der Gedichte. Den Texten wird vielmehr ein eigener Entwurf entgegengestellt. Es sind, so könnte man verkürzt und etwas kühl sagen, gruppendynamische Prozesse, die sich hier auf einem eher trostlosen Spielplatz samt Schaukel, Rutsche und Sandkasten abspielen (Bühne: Lenka Flory). Prozesse des Sich-Findens, der Ausgrenzung, der Anpassung. Ein Mädchen (Emma Barrowman) ist zu sehen, zwei immer wieder in Streit geratende Frauen, die italienisch aufeinander einschimpfen (Giuliana Bottino und Francesca dell’Aria), zwei russische Hip-Hopper (Ilia Sarkisov und Dustin Klein) und eben der Messerwerfer (Nikita Korotkov), der hier als solcher gar nicht so leicht zu erkennen ist. Im (übrigens sehr lesenswerten) Programmbuch heißt es über diese Produktion: „Eine Erzählung entsteht im Kopf des Zuschauers – jeweil individuell.“ Oder auch nicht, müsste man vielleicht ergänzen.

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