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Livekritik zu

Das letzte Band

25.09.2014 - 18.04.2015 | Berlin / Berliner Ensemble
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august14979
am 27.10.2016

Eine punktgenau ausgeleuchtete Bühne, ein offenbar alter Mann, der sich auf einem Schreibtisch schlafend lümmelt. Beckett hat dieses Stück für den alten britischen Bühnenschauspieler Pat Magee geschrieben, ein Monolog, mit brüchiger Stimme und großer Niedergeschlagenheit im Tonfall vorzutragen, verfasst für einen missmutigen Alten, dessen Lebensende naht. „Krapp’s Last Tape“ hieß es zunächst – weil der Alte hin und wieder ein altersschwaches Spulentonbandgerät anwirft und sich anhört, was er im Alter von 40 darauf gesprochen hat. Damit erschöpft sich der Inhalt des Stückes. Der alte Krapp erinnert sich an seine Kindheit, an seine verflossenen Liebeleien, seine knappen Texte immer wieder kräftig hustend unterbrechend – was wie selbstverständlich die Zuschauer zu gleichem Tun animiert, so dass sich der Theatersaal allmählich in ein permanent hustendes Lazarett zu verwandeln scheint.

Klaus Maria Brandauer spielt den alten Krapp. Oder spielt der alte Krapp den Brandauer? So ist das halt bei dem berühmten und begnadeten Bühnendarsteller vom Wiener Burgtheater: Altstar Brandauer hat durchaus etwas geniehaftes, aber er weiß es auch. Und so neigt er oft dazu, sich und seine Kunst zu stark in den Vordergrund zu schieben. Seinen Leib und Magen-Regisseur Peter Stein scheint das nicht zu stören. Er lässt ihm im Rahmen seiner Inszenierungen stets die „lange Leine“.

In den ersten 20 Minuten passiert auf der Bühne so gut wie nichts. Krapp, von einer üppigen Knollennase geziert, die jedem Loriot-Cartoon zur Ehre gereicht hätte, erwacht, hantiert schwerfällig auf seinem Schreibtisch herum, zieht umständlich zwei Schubladen auf, die er zuvor ebenso umständlich auf- und wieder zuschließt, nimmt eine Banane heraus, die er sich geschält in den Mund schiebt und dort erst einmal in clownesker Manier stecken lässt, kämpft mit der Bananenschale, auf der er leicht ausgleitet, schält eine zweite Banane, deren Reste er sich in die Jackenaußentasche stopft. Ein hässlicher, vergrämter und erbitterter Clown hantiert wild mit den Utensilien seines Schreibtisches herum, bis er schließlich das Bandgerät in Gang setzt und sich anhört.

Der alte Krapp verliert an diesem Abend nur wenige Worte, die meisten nuschelnd, hustend, gurgelnd oder laut herausschreiend. Man bleibt eigentümlich unberührt von diesem ganzen Geschehen. Vielleicht hat sich Becketts Stück auch überlebt. Auch wenn Krapp grunzt, tobt oder schreit und sich über sein Leben als 40jährigen selbst lustig macht – es wirkt aufgesetzt, als hätte Peter Stein den Brandauer bewusst eine Theaterrolle serviert, in der sich mal wieder so richtig austoben kann. 1969 gab’s eine Inszenierung mit Martin Held, die ein grandioser Erfolg gewesen sein soll. Schade, dass ich die nicht gesehen habe. 

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Stein und Brandauer scheitern an Beckett

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