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Livekritik zu

Nathan der Weise

17.04.2016 - 15.05.2016 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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august14979
am 18.04.2016

Wer schmeißt denn da mit Lehm? Gut, dass es Programmhefte gibt. Auf diesem Weg erfährt man wenigstens, warum Andreas Kriegenburg seine Akteure lehmverschmiert auf die Bühne schickt. Er interpretiert Lessings Gedicht als „archaischen Comic, an dessen Anfang der aus Erde erschaffene Mensch steht.“ Überzeugt mich als Inszenierungsidee nicht völlig, aber na, gut! Lassen wir es auf uns zukommen.

Die Bühne des Deutschen Theaters wird beherrscht von einem riesigen Bretterverschlag, der – mal geöffnet, meist geschlossen – beharrlich auf uns Zuschauer zurollt oder sich im Kreise dreht. Die Darsteller agieren am Rand oder auf der Kuppe des Bretterwürfels. Und sie bewegen sich slapstickartig, wie in einem Stummfilm. Warum das denn? Lessings „Nathan“ ist insofern tagesaktuell, als die im Stück angesprochen religiösen Differenzen uns in diversen Ecken dieser Erde in Atem halten, speziell im Nahen Osten. Offenbar flüchtet sich Kriegenburg in die Masche, mit deftigem Humor dem irdischen Irrsinn begegnen zu wollen. Aber so richtig komisch wird’s leider nicht. Warum, glaubt Kriegenburg, kann man die Botschaft der Toleranz nur auf diese Art beim Theaterpublikum platzieren? Hält er uns für zu unreif, das Original ohne inszenatorischen Mumpitz verstehen und umsetzen zu können? Er irrt. Denn gerade bei der berühmten, ganz konventionell vorgetragenen Ring-Parabel, vom Vater, der sich nicht entscheiden kann, einen seiner drei Söhne den anderen vorzuziehen, ist es mucksmäuschenstill im Zuschauerraum. Selbst die üblichen Huster sind ergriffen verstummt. Jörg Pose als Nathan hat jetzt die volle Aufmerksamkeit.

Dann ist aber auch schon Schluss mit Ernsthaftigkeit. Es geht weiter mit religiösen Kalauern. Wenn der Tempelherr sich den Rücken hält und „Mein Kreuz!“ ruft, werden flugs zwei Latten und ein INRI-Schild auf die Bühne geschleppt. Es wird weiterhin getrippelt, unverständliches einander zugeschwatzt. Manche Textstellen werden so temporeich vorgetragen, dass so gut wie nichts davon verstanden werden kann. Der Patriarch sitzt innerhalb des Würfels während seiner Zwiesprache mit dem Tempelherren auf dem Topf, um anschließend mit den Händen in der Porzellanschüssel herumzurühren. Sehr appetitlich. Der Lessingsche Text wird um allerlei Kalauer und mehr oder weniger müden Gags angereichert. Aber so richtig komisch – sorry, Herr Kriegenburg – kam’s mir nicht vor.

Dabei ist doch Gotthold Ephraims Anlegen aktueller denn je, werfen wir einen Blick auf den IS oder die latenten Feindseligkeiten zwischen Muslimen und Christen in den Flüchtlingsunterkünften. Toleranz, heißt uns der „olle Goethe“, kann nur ein Übergangsgefühl sein. Toleranz muss sich zur Anerkennung (anderer Religionen oder Formen des Zusammenleben oder was auch immer) wandeln. Daraus hätte sich doch was machen lassen.

Die Bühnenakteure gaben ihr Bestes. Die Zuschauer bedankten sich mit Applaus und traten überwiegend ratlos den Heimweg an. In diesen drei Stunden hätte man auch etwas Sinnvolles lesen können.

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Lessing im Lehm – Na, gut, Schlamm drüber!

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