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Livekritik zu

EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST

02.04.2016 - 15.10.2016 | Berlin / Schlosspark Theater Berlin
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august14979
am 08.04.2016

Die Verfilmung des Romans von Ken Kesey war ein Bombenerfolg, der mit fünf Oscars belohnt wurde. Und Jack Nicholson und Louise Fletcher waren so etwas wie die Idealbesetzung für den aufsässigen  McMurphy, der die Psychatrie aufmischt, und die fiese, sich stets korrekt gebende Oberschwester Ratched. Kann das Schlosspark-Ensemble hier mithalten? Es kann.

Randle McMurphy, der Kleinkriminelle, will dem Arbeitslager entfliehen und lässt sich als Psychatrie-Fall in die besagte Anstalt einliefern. Den Part des Rebellen im vermeintlichen Irrenhaus übernimmt mit offenkundiger Spiellust, glänzend aufgelegt, Jörg Schüttauf. Der lässt keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen, die Oberschwester Ratched zu reizen, ihre aufgesetzte Autorität zu untergraben, sich aufzulehnen gegen die ungeschriebenen Gesetze der Einrichtung und seine Mitinsassen, die sich offenbar längst aufgegeben haben, auf diesen Weg mitzunehmen. Franziska Troegner ist hier die gestrenge Gegenspielerin, permanent Vorschriften rezitierend, Regeln einfordernd und strafend, wenn diese missachtet werden.

Schon bald erlebt der Zuschauer vertauschte Rollen und er fragt sich, wer hier tatsächlich „ein Rad ab hat“, die Patienten oder das Personal. Der baumlange Indianerhäuptling Bromden, vermeintlich taubstumm (Peter Theiss) oder der stotternde, schüchternde Billy (Marc Laade), Dale Harding, der übernervöse Patientensprecher (Oliver Nitsche) oder Scanlon (Martin Genzler), der schweigend abseits an einer vermeintlichen Bombe bastelt, der leicht cholerisch erscheinende Cheswick (David A. Hamade) oder der kleinwüchsige Martini (Santiago Ziesmer) – sie alle gewinnen mit zunehmendem Spiel an Normalität. Candy (Anne Rathsfeld) und Sandra (Debora Weigert) haben darum kein Problem, sich anlässlich einer geheim anberaumten „Party“ mit den sogenannten Patienten einzulassen. Nur Marlon Putzke als Ruckley hat die undankbare Rolle, tumb und sabbernd wie ein Gekreuzigter an der Wand zu lehnen und hin und wieder „Fickt euch doch alle!“ herauszuschreien. Er dient den anderen als abschreckendes Beispiel: Seht! Wer sich widersetzt, dem wird, wie bei Ruckley geschehen, mit einem operativen Eingriff, einer Biopsie die Aufsässigkeit, das bisschen eigener Wille für immer genommen.

Regisseur Michael Bogdanov hat das Ensemble exzellent eingestellt. Die Inszenierung geht geradezu atemberaubend über die Bühne. Es kommt keine Langeweile auf, über zahlreiche Pointen lässt sich herzhaft lachen – obwohl uns Zuschauern eigentlich das Lachen im Halse stecken bleiben sollte. Wollte der Autor der Bühnenfassung Dale Wasserman doch mit seinem Stück die fragwürdige Rolle der Psychatrie in den 1950er und 1960er Jahren kritisch hinterfragen. Vor allem die seinerzeitige Praxis, all jene, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, als psychisch krank auszusortieren, um dann, der nächste Sündenfall, die derart Aussortierten mit Psychopharmaka im Sinne des Anstaltspersonals ruhig zu stellen. Beispiele, wie jemand in die Fänge der Psychiatrie geraten kann, gibt es ja aus jüngster Vergangenheit. Auch McMurphy erkennt irgendwann, dass es keine gute Idee war, sich als „gestört“ einliefern zu lassen, denn wie soll er dieser geschlossenen Einrichtung je wieder entrinnen? Hintergründe, die eher zum Nachdenken als zum lauten Gelächter anregen sollten. Regisseur Bogdanov lässt das Tiefgründige des Stückes hin und wieder einmal aufblitzen, z.B. beim Monolog des Patientensprechers Dale Harding. Oder bei dem des stotternden Billy, den seine Mama offenbar als lebensuntüchtig ansieht und einliefern ließ. Die Regie hat die komischen Momente des Stückes vielleicht etwas zu stark hervorgehoben. Bogdanov will uns unterhalten, und das gelingt ihm fraglos.

Trotz der kleinen Defizite geht der Daumen nach oben, zum einen für die Leistung der beiden Bühnen-Kontrahenten Troegner und Schüttauf, zum anderen für eine großartige Leistung des gesamten Ensembles. Das „Kuckucksnest“ könnte für die Hallervorden-Bühne zum Publikumsrenner werden.

Besucherfazit

Ausgebufftes Schlitzohr gegen Psychatrie-Gouvernante – ein sehenswerter Zweikampf

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