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Livekritik zu

Geächtet

23.01.2016 - 27.03.2016 | Berlin / Theater und Komödie am Kurfürstendamm
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august14979
am 22.03.2016

Alle Achtung, Intendant Woelffer traut sich was. Das Stück des amerikanischen Autors Ayad Akhtars ist keine leichte Kost für ein Boulevard-Theater und die übliche, sich gern amüsierende Klientel 65plus. Vielleicht war dies der Grund, warum sich der Zuschauerraum etwas mühsam füllte.

In „Geächtet“ (Originaltitel: Disgraced) zeigt sich Amir (Mehdi Moinzadeh) als ein aufgeklärter Muslim, der mit seiner Religion und Herkunft nicht mehr allzu viel am Hut hat. Er präsentiert sich als der in der westlichen Gesellschaft angekommene Karriereanwalt, der sich schon schwer damit tut, auf Bitte seines Neffen (Rauand Taleb) die Verteidigung eines Imam zu übernehmen. Den Islam kritisiert er vehement, während seine Frau Emily (Katja Sallay), die vielversprechende Künstlerin, hier eher zu Verständnis und Verstehen neigt.

Dass das Multikulturelle in Amir nur eine sehr dünne Deckfarbe ist, die bei ernsthaften Auseinandersetzungen plötzlich abblättern kann, beweist ein Dinner. Zu diesem sind Isaac (Gunther Gillian), ein jüdischer Galerist, der Emily und ihre Kunst fördern möchte, und dessen Ehefrau Jory (Dela Dabulamanzi), Schwarzafrikanerin offenbar, zugleich eine Kollegin aus Amirs New Yorker Anwaltskanzlei, geladen. In dem Maße, in dem die Alkoholisierung zunimmt, baut sich die stolz zur Schau getragene „Political Correctness“ ab. Diskussionen steigern sich in hitzige Wortgefechte, längst begraben geglaubte Ressentiments bestimmen die Argumentation. Es kommt zum Bruch, als Amir zugibt, er habe so etwas wie Stolz über den Anschlag vom 11. September verspürt.

Mit dem Pulitzer-Preis geadelt, wird „Geächtet“ gern als „Stück der Stunde“ bezeichnet. Das erscheint mir dann doch zu viel des Guten. Vielleicht liegt es an der Inszenierung von Ivan Vrgoc, aber das Stück kommt ein wenig schwer in die Gänge. Bis zum eigentlichen Eklat plätschern die Gespräche etwas bemüht dahin. „Stück der Stunde“? Ja, vielleicht, angesichts der derzeitigen, im Volke vorherrschenden allgemeinen Gemütslage, um deutlich zu machen, wie schnell das plakative „Gutmenschentum“ in den alten, immer noch in uns schlummernden Rassismus abkippen kann. Insoweit ist es ein wichtiges Stück Theater, welches anzusehen sich lohnt. Leider wird es bei den nicht Einsichtsfähigen eh nichts bewirken. Wenn die überhaupt hingehen.

Besucherfazit

Lehrstück über die in uns allen schlummernden Vorurteile

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