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Livekritik zu

ENTARTETE KUNST

18.03.2016 - 20.03.2016 | Berlin [ Charlottenburg ] / Renaissance-Theater Berlin
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august14979
am 18.03.2016

„Vergesst mich nicht!“ sind seine letzten Worte, bevor das Licht verlischt, gesprochen von Cornelius Gurlitt, und weniger an das Publikum gerichtet, als vielmehr an „seine Familie“. „Seine Familie“, das sind seine Bilder, die er vor der Öffentlichkeit verbirgt. Darum lebt er wie ein Eremit in einer großen Wohnung, hat keine Einkünfte, zahlt keine Steuern, hat keine Sozial- oder Krankenversicherung. Wer braucht das schon, wenn er die Chance hat, eines seiner Kunstwerke auf dem „schwarzen“ Kunstmarkt zu verhökern. Lieber bleibt er zu Hause bei „seiner Familie“ und spielt mit seiner Eisenbahn.

Das Stück beginnt mit dem Auftritt der Steuerfahndung. Irgendwann fällt jemand auf, der keine Einnahmen verzeichnet und trotzdem ganz komfortabel lebt. Und der sich eine Erster Klasse-Bahnfahrt in die Schweiz leisten kann (um etwas aus seiner Kunstsammlung zu verscherbeln). Karl Friedrich (Boris Aljinovic) und Lise Schmidt (Anika Mauer) vom Finanzamt entdecken alsbald Cornelius’ gewaltigen Kunstschatz, mit hoher Wahrscheinlichkeit Raubkunst, im Verständnis der Nazis „entartete Kunst“, vom Vater Hildebrand Gurlitt im Auftrag von Goebbels eingesammelt und nach dem Zusammenbruch für sich selbst vereinnahmt. Cornelius Gurlitt ist der leicht depperte, senile Erbe, der den Ahnungslosen mimt und immer wieder die jüdischen Wurzeln seiner Familie hervorkehrt. Nach der Pause hat auch Ralph Morgenstern als Kunsthändler Weisz einen kurzen Auftritt, wenn ihm Cornelius Gurlitt einen gefälschten Cézanne andreht.

Nun war Cornelius Gurlitt sicherlich ein in sich gekehrter Eigenbrötler. Aber hat er sich wirklich so grenzdebil verhalten, wie im Stück gezeigt? Der Autor Ron Harwood betont, er lehne sich zwar an den Fall Gurlitt an, aber die in seiner Vorlage vorkommenden Charaktere seien reine Erfindung, die Freiheit des Dichters, wie er sie für sich Anspruch nimmt. So muss sich Udo Samel dem Willen des Autors fügen und den lüsternen Alten geben, der schon mal unterstellt, die beiden Finanzamtsvertreter „fuppen“ miteinander. Das „Fuppen“ kommt ihm an diesem Abend häufiger über die Lippen, begleitet von einem glucksenden Lachen. Udo Samel wütet und brüllt in einem, bejammert sein Schicksal im anderen Moment. Udo Samels intensives Spiel trägt das Stück, hält den Zuschauer in Atem und Aufmerksamkeit. Trotzdem bleibt am Ende der „Fall Gurlitt“ so unaufgeklärt wie im richtigen Leben auch. Und der Zuschauer fragt sich ratlos, was er an Erkenntnis von diesem Abend mit auf den Heimweg nehmen soll. Mehr als das, was wir aus der Presse wissen, ist im Renaissance Theater nicht zu erfahren. Bleibt lediglich die Darstellung eines kuriosen Falles (aus der Sicht des Autors - natürlich) vor historischem Hintergrund.

Besucherfazit

Ein erlebenswerter Udo Samel-Abend

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