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Livekritik zu

Common Ground

14.03.2014 - 15.05.2015 | Berlin [ Mitte ] / Maxim Gorki Theater Berlin
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august14979
am 09.05.2015

Es beginnt mit einem heftigen Schlag in die Magengrube: Pausenlos werden Nachrichten schlaglichtartig übers Mikrofon in den Saal geschleudert, Meldungen zum Krieg im einstigen Jugoslawien, angereichert mit Meldungen vom Sport, von  Popstars und Naturkatastrophen. Einer reißt dem anderen das Mikrofon aus der Hand auf einer mit Holzkisten bestapelten Bühne.

Yael Ronen, die Regisseurin aus Israel und ihr Ensemble, fast alle mit Balkan-Wurzeln, starten ihr „Aufklärungstheater“. Aufklärung ist eigentlich der völlig falsche Begriff. Wer sich den Durchblick erhofft, warum die Balkanvölker in den 90er Jahren gegen wen und warum zu Felde zogen, warum in friedlicher Nachbarschaft lebende Menschen plötzlich zu Todfeinden wurden, wer hier Täter oder Opfer sind, wird enttäuscht werden. Das ist hier kein Volkshochschulkurs mit dem Anspruch, Geschichte erklären zu wollen. Die Akteure, allesamt auf irgendeine Weise betroffen, stoßen lediglich zum Denken an, weil sich ihre Überlegungen, die sich um Schuld und Nichtschuld drehen, nicht hinreichend auflösen lassen. Irritiert durch die Kulissen läuft der Deutsche (Niels Bormann), der durch allerlei Peinlichkeiten auffallende Gutmensch, der nichts versteht. Außer eines natürlich: „Wir sind nicht mehr der Inbegriff des Bösen. Dafür werden wir euch ewig dankbar sein.“ Das deckt sich mit der Erleichterung, die die mitwirkende Israelin Orit Nahmias,  an den israelisch-palästinensischen Konflikts denkend, spontan verspürt: „We are not the most fucked up.“ Bormann und Nahmias sorgen für einige zum Lachen anregende Einsprengsel

Nach dem Kurznachrichten-Bombardement geht es ins ruhigere Fahrwasser. Das Ensemble macht eine Reise nach Bosnien, besucht Sarajewo, begibt sich auf die Spuren der Kriege, die einen Staat zerrissen haben. Sie begeben sich auf die Suche nach dem Schicksal ihrer Angehörigen. Mosaiksteinchen des Erinnerns werden aneinandergereiht. Mitunter ist die Verzweiflung über das, was vielen Frauen während dieses Balkankonflikts angetan wurde, im Zuschauerraum greifbar. Nichts Belehrendes, keine „erhobenen Zeigefinger“ kommt über die Rampe. Die ausgebreiteten Einzelschicksale sind es, die dem Zuschauer das Entsetzliche eines solchen Krieges vor Augen führen. Stimmen unsere Auffassungen, die wir uns seinerzeit aus der Ferne, beeinflusst von der Medienberichterstattung, gebildet haben, mit dem wirklichen Geschehen überein? Wer trägt hier Schuld? Wer waren die Leidtragenden, wer die Gewinnler? Trägt nur eine Volksgruppe die Alleinlast der Schuld? Am Ende dieses makabren Sarajewo-Sightseeing steht ein Satz: „Wir können nicht miteinander – aber wir können auch nicht ohne einander.“

Ein Theaterabend, der lange nachwirkt. Riesenapplaus für eine stark berührende Ensembleleistung.

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