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Livekritik zu

DIE FLEDERMAUS in einer Fassung von Julia Lwowksi, Yassu Yabara und Tobias Schwencke

26.01.2017 - 26.02.2017 | Berlin [ Neukölln ] / Neuköllner Oper
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august14979
am 13.02.2017

Wer sich auf den Abend einstimmen will, liest vorab das Gästebuch. Von Einträgen wie „Wahnsinn!“ und „Fantastisch!“ bis „Absolut besch…“ ist alles zu finden. Und wie habe ich es gesehen? Neugier war angesagt, denn eine Altersbegrenzung im Theater (ab 18) ist doch eher selten.

 

Der Abend beginnt mit Ächzen und Stöhnen aus dem Off, was auf paarweise intime Betätigung schließen lässt. Dazu spielt das Trio LACCASAX, bestehend aus Akkordeon, Saxofon und Kontrabass, die Ouvertüre. Die drei machen ihre Sache über die gesamte Vorstellung betrachtet nicht schlecht. Begleitend zum Ächzen und Stöhnen, flimmert ein Video über den geschlossenen Vorhang, und das über einen Zeitraum von fast 30 Minuten. Das nervt allmählich. Wie auch die Live-Videos nerven, weil dauernd einer mit wackelnder Handkamera und Scheinwerfer, ein langes Kabel hinter sich herziehend, im Weg steht und einzelne Darsteller verfolgt. So will’s wohl die Dramaturgie.

Insgesamt wird das nachtaktive Geflügel (nach Johann Strauß) ganz schön zer“fledert“. Immerhin erkennt man die Musik wieder. Doch das Gesangsfach beherrschen heute Abend nur wenige. Der (nein – die) Orlofsky in Gestalt von Vera Maria Kremers bzw. Gina-Lisa Maiwald (einige Rollen sind doppelt besetzt) oder die Adele (SuJin Bae) – ja, unbedingt. Die Herren? David Ristau als Dr. Falke. Die anderen müssen noch üben. Die Damenriege gewinnt in Sachen Gesang heute mit Längen.

Julia Lwowski inszeniert den alten Herrn Strauß als wildes Sex- und Koksspektakel. Insbesondere die wilde Party beim Grafen Orlofsky lässt da kein Klischee aus. Folglich muss der haarige Alfred (Magnús Hallur Jónsson) als imaginärer Marquis de Sade auftreten. Da wird schon mal der Urinbeutel vom Katheterständer leer getrunken, oder der Kaviar – weil’s kein Malossol ist – wieder in die Schüssel gespuckt. Das Ehepaar Eisenstein tauscht beim Sex schon mal das Eigelb von Mund zu Mund aus. Es gibt kaum Grenzwertiges, das heute Abend ausgelassen wird. Nun kann das ja durchaus unterhaltend sein, wenn aus dem „Kamasutra“ der Wende zum 20. Jahrhundert eher zum Lachen reizende Pornobildchen an die Videowand geworfen werden. Aber irgendwann ist man des Ganzen etwas müde. Drei Stunden Pornobeschuss ist zu viel des Guten. Zudem sind die Dialoge mitunter flach wie die Norddeutsche Tiefebene. Da drängt sich einem der Verdacht auf, hier werde nur improvisiert und es gäbe keine einstudierten Texte. Jeder gibt von sich, was ihm gerade einfällt, und das ist längst nicht immer witzig oder originell.

Abgesehen von ein paar Videosequenzen und dem nur angedeuteten Rammeln auf dem Bühnenboden konnte ich wenig Jugendgefährdendes ausmachen. Weil Thorbjörn Björnsson als Eisenstein anfangs völlig nackt auftritt, und sich später nur mit einem knappen Bademantel zeigt? Na, ja, da ist unsere Jugend aber anderes Kaliber gewöhnt. Letztlich bleibt alles im erlaubten Rahmen, niemand muss sich sonderlich aufregen, alles bleibt nur angedeutet. Ein bisschen wie ein Softpornofilmchen live: eine zeitlang ganz unterhaltsam, nach zwei Stunden aber etwas zäh. 

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