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Livekritik zu

Marat/Sade

15.01.2017 - 19.02.2017 | Berlin [ Mitte ] / Deutsches Theater Berlin
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august14979
am 03.02.2017

Illusionen – Sensationen - Horror - Abnormitäten im Deutschen Theater… Das Bühnenbild von Barbara Ehnes erinnert eher an ein überdimensioniertes Kasperletheater. Befinden wir uns nicht im Hospiz zu Charenton, wo der berühmte Marquis de Sade (Felix Goeser) zum einen als Patient einsitzt, zum anderen aber mit den Mitinsassen ein Stück über den Protagonisten der Französischen Revolution Jean Paul Marat aufführt? Marat (Daniel Hoevels) gibt den zeitweilig in der Wanne sitzenden revolutionären Vordenker, kurz davor, zum Alleinherrscher gekürt zu werden. Wäre da nicht Charlotte Corday  (Katrin Wichmann), deren Begehr, zu Marat vorgelassen zu werden, abgewiesen wird. Erst Marat selbst räumt ihr den Besuch in seinen Gemächern ein – um flugs von ihr erstochen zu werden.

Der Vergleich mit einem Kasperletheater ist nahe liegend, denn Stefan Pucher inszeniert den „Marat“ von Peter Weiss als eine Art Burleske – mit herabbaumelnde Stoffpuppenbeinen, die die echten Gehwerkzeuge beim Deklamieren ersetzen sollen. Die Gesichter sind verunstaltend geschminkt. Das Volk hingegen ist dumm, ungeduldig, vorlaut, uniform gekleidet, einförmige Perücken tragend. Das Volk spricht die Texte brav im Chor, laut und darauf drängend, auch im Wohlstand leben zu wollen. Wie ein Zirkus-Entertainer agiert hingegen Direktor Coulmier (Anita Vulesica in Spitzenform), immer wieder den Zuschauern das Geschehen in wohlfeilen Versen erläuternd. Sie bringt gekonnt den Hauptpart über die Rampe, denn „was wäre eine Revolution ohne eine gute Moderation“. Ab und an unterbricht der despotische de Sade das Bühnengeschehen, mischt sich ein mit seiner ganz persönlichen Sicht auf die Revolution. Nach dem Motto: „Was wäre denn eine Revolution ohne allgemeine Kopulation.“

Mitte der 1960er Jahre uraufgeführt, war es ein absolutes Erfolgsstück, das die aufkeimende Revolte gegen das selbstzufriedene Establishment anzustacheln vermochte. Pucher verkehrt den Revolutionsstoff ins Komische, macht sein eigens absurdes Theater daraus. Alles bleibt offen, so wie im richtigen Leben. Live-Musik, einige Videoeinspielungen, grellbunte Kostüme und ein paar Lacher im Publikum: die Revolution wird zum Jahrmarktsspektakel.

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Szenen einer guillotinierten Revolution

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