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Livekritik zu

Antarktis

22.08.2015 - 08.10.2015 | Hamburg [ Mitte ] / Hamburger Sprechwerk
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Ariane de Melo
am 15.09.2015

Der Spielabend begann damit, dass ich als Allerletzte den Zuschauerraum betrat. Die Schauspieler warteten nur darauf, dass Frau de Melo Platz nahm – obwohl sie sich schon seit einer ganzen halben Stunde vor Stückbeginn im Hause befand –, um endlich anfangen zu können. Das war mir bewusst. Zum Glück ist mir heutzutage nichts mehr peinlich.

Es wurde dunkel, auf der Bühne gab es kaltes, blaues Licht. Man sah zwei Frauen: Eine saß in puppenartiger Position, unbeweglich. Die andere tippte eifrig an einem Laptop. Mit puppenartigen Geschöpfen komme ich klar, mit Science-Fiction-Feeling eher weniger. Meine Erwartungszentrale war an dieser Stelle so leer wie noch nie. Dann wurde es verwirrend, spannend, klug und unfassbar bitter.

Ziemlich bald lernen wir das Online-Projekt „Daytrack“ kennen, eine Internet-Community, die alles, was Ina (Ines Nieri) in ihrem Alltag tut, sammelt, um es zu optimieren. Die junge Frau dokumentiert ihren kompletten Lebensablauf, Tag für Tag, und lädt es dann auf „Daytrack“ hoch. Nichts wird ausgelassen. Keine persönlichen Gespräche, keine Gedankengänge, keine Mahlzeit. Alles muss festgehalten werden. Jeder Erinnerungsfetzen wird kategorisiert, protokolliert und gespeichert, damit Erinnerungen und Gefühle vom Gehirn zukünftig nicht verfälscht werden. Sachlichkeit ist das Schlüsselwort der neuen „idealen“ Welt.

In Inas realer Welt gibt es ihren demenzkranken Vater Werner (Tom Pidde), um den sie sich kümmern muss. Der ehemalige Antarktisforscher lebt in der Vergangenheit, ruft ständig seine schon verstorbene Frau Nadja (Kristina Bremer) aus seinem Gedächtnis ins Leben zurück. Er leidet unter Halluzinationen; sieht weiß, alles weiß, immer weiß. Durchlebt Streitereien mit Nadja und die kleinen, seltenen schönen Momente, die sie gemeinsam hatten.

Anfangs sorgen diese Zeitsprünge für Verwirrung. Die Vergangenheit mischt sich mit einer zukunftsorientierten Gegenwart. Künstliche Hochintelligenz trifft krakelige Funkgeräte. Gemeinsam haben diese Zeitspannen nur eins: die Einsamkeit. Gelöst wird der – scheinbare – Informationswirrwarr durch die kluge Inszenierung von Regisseurin Friederike Barthel, die die Figuren teilweise in weißen Blöcken auf der Bühne „einfrieren“ lässt, was die Science-Fiction-Atmosphäre des Stückes verstärkt. Schnell wurden die Zeitsprünge selbstverständlich und man konnte problemlos verstehen, was wann geschah.

Ina und ihr Vater Werner sind so fern und doch so nah: Sie werden beide von Sehnsucht getrieben. Ina sehnt sich nach dem Leben, das vor ihr liegt, Werner nach dem Leben, das hinter ihm blieb. Trost sucht Werner in den Tiefen seines beschädigten Verstandes und verliert sich darin. Innerlich hofft Ina, bald richtige Glücksgefühle zu erleben, denn ihr „Happiness-Index“ sinkt immer weiter. Sie macht alles, was ihr „Daytrack“ vorschlägt, um fit und zufrieden zu leben, ist aber trotz aller Bemühungen wieder depressiv. Durch einen Zufall begegnet sie Jens (Stephan Arweiler) online. Er ist Muster-User von „Daytrack“, der sich durch nichts und niemanden ablenken lässt. Seine Besessenheit nach Optimierung übersteigt alle Grenzen. Er träumt davon, aus Bewusstsein zu bestehen, den Körper überflüssig zu machen. Ina dürstet nach Körperlichkeit, nach Wärme; Jens kann damit nichts mehr anfangen.

Christina Kettering präsentiert uns mit diesem beeindruckenden Stück eine nicht erstrebenswerte Welt. Aber genau dahin bewegen wir uns. Als ein Spät-Achtziger-Kind war es mir unmöglich, keine sofortige Verbindung zwischen „Daytrack“ und Facebook und Co. herzustellen. Wir sind eine Generation, die von digitalen sozialen Netzwerken zwar betroffen ist, die aber weder damit – von vornherein – aufgewachsen ist noch jenseits dieser Realität steht. Unsere Distanz zu all dem ist hauchdünn. Wir leben oben auf der Mauer, sitzen zwischen den Welten und wissen, wo die Tore offen stehen, wo sie sich schließen. Wir treten aus ihr heraus, tauchen wieder darin ein. Für jemanden, der fünfzehn ist, wirkt die Geschichte des Stücks vielleicht vertraut und unauffällig, für jemanden, der die Schwelle der 30er bereits überschritten hat, wirkt sie vielleicht übertrieben. Wir aber sehen die lauernde Gefahr, denn wir stehen auf keiner der Seiten.

Tagtäglich werden wir, durch unsere sogenannten Pinnwände, mit Reise-, Essens- und Liebesglücksfotos „bombardiert“. Mit Bildern, die wunderschöne Ereignisse des Lebens anderer zeigen – die vielleicht so stattgefunden haben oder aber auch nicht. Viele werden dadurch frustriert. Sie vergleichen ihren trüben Alltag mit den unzähligen Abenteuern ihrer Internetfreunde und kommen sich dabei wie Versager vor. Andere ertragen es nicht, werden depressiv.

Dies ist ein ernstzunehmendes gesellschaftliches Problem, das nicht häufig genug als solches gesehen wird. „Antarktis“ thematisiert es. Das Stück behandelt am Rande auch ein weiteres Problem, das wir vernachlässigen, das der „Generation unfähig“: Die Kinder der letzten 20 Jahre – wie Ina –, die durch die extremen Bemühungen ihrer Eltern das Leben als Erwachsene nicht meistern können. Sie scheitern an den „Neins“ der echten Welt; daran, dass sie nicht immer alles bekommen können, was sie wollen. Die Eltern meinen es gut, sie können ihren Kindern ein (vermeintlich) besseres Leben anbieten, sie tun es und schaden ihnen damit. 

Fazit: Der Abend war berührend. Die vier furchtlosen Schauspieler überzeugten in ihren Rollen. Man hatte was zum Lachen und einiges zum Beweinen. Die Sprache der Autorin ist poetisch, die Dialoge klug. Das Stück hat durch die bildhaften Wetterbeschreibungen Romancharakter. Es ist ein modernes Horrormärchen, das immer realer wird und das wir zu ignorieren versuchen.

Ein mehr als sehenswertes Projekt des Hamburger Sprechwerks.

 

 

Weitere Vorstellungen finden am 23.09 und 24.09 statt. 

Besucherfazit

Ein mehr als sehenswertes Projekt des Hamburger Sprechwerks.

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