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Livekritik zu

HELMUT KOHL LÄUFT DURCH BONN

18.12.2013 - 28.01.2014 | Bonn / Theater Bonn - Werkstatt
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Ansgar Skoda
am 06.01.2014

Aussitzen ohne umzufallen: Uraufführung von „Helmut Kohl läuft durch Bonn“ in der Bonner Werkstatt

Erstaun­lich leicht unter­hält die Col­lage über einen der gewich­tigs­ten Poli­ti­ker der 80er und 90er Jahre, die kürz­lich am Bon­ner Thea­ter ihre Pre­miere fei­erte. Das junge Auto­ren­duo Nolte Decar lässt viele Geschich­ten um den eins­ti­gen Geschichts­stu­den­ten ran­ken; frei erfun­dene und viel­leicht auch so oder ähn­lich vor­ge­fun­dene? Der Mann, der seine unnah­bare Poli­tik förm­lich ver­kör­perte, erwählt sich im Thea­ter­stück sei­nen Namen selbst. Ehr­furcht erhei­schend und wenig prä­ten­tiös soll er sein – Hel­mut Kohl eben.

Doch Namen sind bekannt­lich wie Schall und Rauch. Die Dar­stel­ler wech­seln regel­mä­ßig ihre Rol­len, ergän­zen mal die Worte des jeweils ande­ren oder ver­kör­pern unter­schied­li­che Facet­ten ihres Titel­hel­den. Sta­tio­nen im Leben Kohls wer­den tem­po­reich mit Slap­stick, Tanz oder Punk-Gesang ver­bun­den und höchst genüss­lich durch den Kakao gezo­gen. Eitel­keit und Macht­in­ter­es­sen, CDU-Spendenaffären und der Natio­nal­so­zia­lis­mus der Eltern­ge­ne­ra­tion wer­den plump als The­men ange­ris­sen, ohne ihnen zu viel Gewicht bei­zu­mes­sen. Denn schon bald heißt es, es werde ja nicht der „Kohl­haas“, die „Ophe­lia auf Tau­ris“ oder der „Som­mer­Machts­traum“ zur Auf­füh­rung gebracht.

Schön frisch ver­kohlt – wir rüh­ren in der Kohlsuppe

Auch inter­es­san­ten und schrä­gen Neben­fi­gu­ren wird Raum gewährt, wie etwa Hel­muts spä­te­rer Ehe­frau Han­ne­lore (Julia Kei­ling). Sie ist ein­mal die fesche und begeh­rens­werte Post­struk­tu­ra­lis­tin, die ihren Hel­mut (Samuel Braun) sanft­mü­tig über­re­det, sich gedank­lich vom Kom­mu­nis­mus zu ent­fer­nen und der CDU bei­zu­tre­ten. Ein ande­res Mal spielt sie eine wilde Nonne, die zu Klän­gen von Madon­nas „Like a prayer“ von Kohl (dies­mal Sören Wun­der­lich), aus ihrem gläu­bi­gen Dasein empor­ge­ho­ben und zum Trau­al­tar ent­führt wird.

Zuletzt sitzt sie alleine auf der abge­dun­kel­ten Bühne und klagt wie­der­holt in den lee­ren Raum hin­ein, dass ein ange­spro­che­nes „Du“ hin­aus­ge­gan­gen sei und sie alleine in der Dun­kel­heit zurück­ge­las­sen habe. Han­ne­lore bezwei­felt hef­tig, dass es genug D-Mark-Scheine gebe, mit denen sie sich und ihren eins­ti­gen Part­ner von allen Sün­den frei­kau­fen könne. Diese Szene rührt auf­grund einer poe­tisch bil­der­rei­chen Spra­che an und erin­nert an den rea­len Sui­zid der, an einer Lich­tall­er­gie lei­den­den Kanz­ler­gat­tin im Jahre 2001.

Doch gleich dar­auf kann man sich wie­der am seich­ten Witz erfreuen. Denn nun hält eine Raum­pfle­ge­rin im Bun­des­kanz­ler­amt namens Wil­hel­mine (Mareike Hein) kuriose Mono­loge. Mit gewich­ti­ger Stimme behaup­tet sie, sie habe schon vor ihrer Kar­riere als Raum­pfle­ge­rin sehr viel Groß­ar­ti­ges voll­bracht. Weil sie ein­mal schlaf­wan­delnd eine Oper von einer sol­chen Pracht kom­po­niert habe, dass sie von ihren Fans ver­folgt wurde, musste sie sich an einen unbe­deu­ten­den Ort ret­ten. „Es ist gut, Bonn“, betont Wil­hel­mine lächelnd, wäh­rend sie lie­be­voll den Boden wischt.

Welch ein Rosenkohl

Auch Hans-Dietrich Gen­scher, Hel­mut Schmidt, Ger­hard Schrö­der, Franz Josef Strauß und Didi Hal­ler­vor­den haben ihre wohl­ver­dien­ten Auf­tritte als macht­volle Figu­ren oder Inspi­zi­en­ten, mit denen Kohl kun­gelt, klün­gelt oder sich auf der Bühne kugelt. Es gibt ein Wett­trin­ken, unfaire Kanz­ler­du­elle und zahl­rei­che Mau­er­öff­nun­gen. Oft wird frei asso­zi­iert, cho­risch gespro­chen, mit Eiern oder mit Zita­ten aus Klas­si­kern jon­gliert. Wenn Kohl (wie­der Sören Wun­der­lich), Shake­speares König Lear natür­lich nicht unähn­lich, Deutsch­land unter sei­nen drei Söh­nen (Robert Höl­ler, Bernd Braun, Samuel Braun) auf­teilt, erhält der jüngste das Sau­er­land oder Saar­land, weil er die Regent­schaft Kohls nur „okay“ und nicht „gut“ fand. Doch lei­der bleibt Kohl, nach­dem er Ost- und West­deutsch­land groß­zü­gig weg­ge­ge­ben hat, noch nicht ein­mal der geliebte und legen­däre Kirsch­gar­ten, auf den bereits Anton Tsche­chow zahl­lose Verse schrieb.

Bei den vie­len insze­na­to­ri­schen Ein­fäl­len dürf­ten auch Regis­seur David Hein­zel­mann und Dra­ma­turg David Schlie­sing nicht ganz unschul­dig sein. Feh­len darf natür­lich auch nicht der demons­tra­tive Ein­satz der Mer­kel­raute, ein geschichts­träch­ti­ges Sym­bol für Angela Mer­kels jüngst gewon­nene Bun­des­tags­wahl, war doch Mer­kel einst die treu­este Schü­le­rin des Alt­kanz­lers. Die gut auf­ge­leg­ten und agi­len Dar­stel­ler las­sen wahr­lich wenig übrig vom Mythos Kohl und ver­bra­ten ihn ver­dien­ter­ma­ßen mit sicht­li­chem Genuss.

Foto: Thilo Beu

Wei­tere Spiel­ter­mine im Bon­ner Werkstatt-Theater am Di. 07.01., Do. 09.01., Di. 14.01., Do. 16.01., Fr. 17.01., Mi. 22.01. und Di. 28.01. jeweils um 20.00 Uhr. Mehr Infos gibt es auf der Web­site des Bon­ner Theaters.

Diese Besprechung erschien erstmals am 22.12.13 auf Bundesstadt.com.

Besucherfazit

Wenig bleibt übrig vom Mythos Kohl, der mit sicht­li­chem Genuss verbraten wird.

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"Helmut Kohl läuft durch Bonn" im Bonner Theater © Thilo Beu
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