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Livekritik zu

Jenny Jannowitz

16.10.2014 | Frankfurt (Oder) / Kleist Forum
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Anne Grasmay
am 20.10.2014

Das Motto der Kleist-Festtage in Frankfurt an der Oder an diesem Wochenende war `Glücksspiel´. Wie das Theaterstück „Jenny Jannowitz“ von Michel Decar in das Programm passt, bleibt offen. Ob es sich dabei um ein gutes oder ein schlechtes Stück handelt, kann der Laudator nicht sagen, aber den  Kleist-Förderpreises 2014 behält der 27jährige Dramatiker für sein Stück trotzdem – aufgrund seiner Virtuosität. Danach wurde „Jenny Jannowitz“ dem ausverkauften Saal im Kleistforum präsentiert.

Die drei weißen, schief gezimmerten Regale vor dem dunklen Hintergrund auf der Bühne erinnern an einen Comic. Handtasche, Telefon, Laptop, Wolken und andere Requisiten sind 2D auf Pappe gedruckt. Ort und Zeit der Handlung, in der es um den fleißigen Karlos Kollmar geht, ändern sich häufig und rasend schnell. Hamburg, Stuttgart, München und von dort in den tiefsten Osten nach Honkong? Nein, Hannover! Kein Wunder, dass selbst Karlos da durcheinander kommt. Das Leben rast an ihm vorbei. Und so stellt er eines Morgens fest, dass er scheinbar den Winter verschlafen hat.

Auf der Arbeit fehlte er gar nicht. Sein Chef, Dr. Pappeldorn, schickt ihn wieder nach Hause: Er sei immer zu pünktlich. Gleicher meint aber nachher zu Karlos Mutter, dass dieser abwesend sei. Zu Hause trifft Karlos auf seine Freundin Sibylle. Die Jahre fliegen vorbei, seine Freundin dreht auf der Bühne ihre Runden, wirft ein Haarteil nach dem anderen ab und so wird aus Sibylle Sabylle, aus Sabylle Sabine, aber ihr Vorwurf an Karlos bleibt der gleiche: „Wann haben wir uns eigentlich das letzte Mal gesehen?“

Der vermeintlich beste Freund Oliver fragt Karlos scheinbar interessiert, was er eigentlich macht. Als Karlos wegen der guten alten Zeiten Willen mit ihm einen Joint rauchen will, lehnt der sonst so entspannte Student empört ab: „Er rauche schon lange nicht mehr!“ Und zieht schnurrstracks auf der Karriereleiter an Karlos vorbei, wird zum Chef, zu Sibylles, Sabylles und Sabines Geliebten und zu dem „erträumten“ Sohn von Karlos Mutter.

Diese feiert anfangs auf den Kanaren mit Dr. Pappeldorn, lernt in Indien als Banwat den Yogalehrer Boris kennen, sitzt zu Weihnachten allein zu Haus und freut sich, dass Oliver sie regelmäßig anruft. Denn Karlos tut das ja nicht!

Karlos, der tut einem leid - wie er dort auf der Bühne steht und versucht, es allen recht zu machen, dabei aber leider kläglich scheitert! Und dann reden auch noch alle auf ihn ein (oder ist das nur die Stimme in seinem Kopf?): „Mach doch mal was!“ Aber das tut er doch! Karlos lässt sich versetzten und findet sich wieder in zahlreichen neuen Städten, „die doch aber gar nichts mit seinem Leben zu tun haben!“

Der einzige Ruhepol in seinem Leben ist diese Frau oder dieser Zauberer oder dieses - sein - zweite Ich. Wer ist sie eigentlich - diese Jenny Jannowitz, die dem Stück ihren Namen gibt? In ihrer Gegenwart halten Zeit, Raum und Hektik an. Sie scheint Antworten auf Fragen zu haben und zu wissen, wie das Kaninchen in den Hut kommt, und dass nicht nur Karlos unter dem Druck leidet, der in unserer Gesellschaft zu Flexibilität zwingt.

Ein schnelles Stück ist „Jenny Jannowitz“. Eine wahre Kritik an unsere Gesellschaft, eine Warnung, der Schnelllebigkeit eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu geben und die Flexibilität auch als eine Bedrohung unserer menschlichen Werte und sozialen Beziehungen zu erkennen. 

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eine Kritik an unserer Gesellschaft mit dem passenden Sinn für Humor

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