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Livekritik zu

Wallensteins Tod vom Gefängnistheater Aufbruch

02.10.2013 - 20.10.2013 | Berlin / ehem. Flughafen Berlin Tempelhof
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Anja Roehl
am 16.10.2013

Der Zusammenhang zwischen Knast und Kaserne, zwischen Soldat und Gefängnisinsasse liegt nicht nur darin, dass oft der eine zur Bewachung des anderen herangezogen wird, er liegt auch noch auf anderen Ebenen: 

Beide stecken in Einheitskleidung, können nicht mehr selbst über ihr Leben bestimmen, schlafen in Gemeinschaftsräumen, haben sich streng an Hierarchien zu halten, müssen Ge- und Verbote beachten, sind einem täglichen Reglement ausgeliefert, leben in reinen Männergesellschaften, tragen entweder Waffen oder werden durch sie in Schach gehalten, tragen entweder Schlüssel, oder werden durch sie eingeschlossen, befinden sich nicht selten nah am Tod. Dies mag der Grund sein, warum sich Peter Atanassow (Regie) die Wallenstein-Trilogie vorgenommen hat, mit Gefängnisinsassen zu inszenieren.

Zwischen dunkelbraunen Wandverkleidungen
Der  letzte Teil „Wallensteins Tod“ spielt im stillgelegten Flughafencasino Tempelhof. Zwischen dunkelbraun getäfelten Wandverkleidungen, düsterer Beleuchtung, stillgelegten Küchentrakten riecht alles nach vormaligen Zeiten, als hier die Nazi-Nomenklatura ihre rauschenden Fest feierte. Insofern passen die hereinstürmenden Offiziere, die zunächst noch ganz auf ihren Anführer  Wallenstein schwören und zu ihm halten, ihn später aber, als er vom Kaiser fallengelassen wird, verraten, gut in die Räumlichkeiten.

Parallelen liegen auf der Hand
Die Geschichte spielt zwar im 17. Jahrhundert, aber die Parallelen liegen auf der Hand. Bei dem Feldherrn, der es versteht mächtige Streitheere aufzustellen um damit seinem Herrn erst zu dienen und ihm dann in seiner Übermächtigkeit lästig zu werden, muss man unwillkürlich an Sadam Hussein und andere Postkolonialverwalter denken.

Die soldatesken Rollen gut ausgefüllt
Bezüglich des Spiels fällt auf, dass das Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern und Schauspielern die soldatesken Rollen großartig ausfüllt, die Bewegungen in den Uniformen gelingen bravourös, als hätten sie sich nie anders als in Uniformen bewegt, die dazugehörigen zackigen Bewegungen, aber auch Mimik und Gestik wirkt komplett echt und passend. Ein Rollentausch scheint stattgefunden zu haben, der keine Karikatur ist.

Sowohl jovial, als auch von oben herab
Wallenstein selbst wirkt dagegen als einziges Individuum, seine Art sich zu geben kontrastiert. Er kann sich den Luxus leisten, sowohl jovialer als seine Untergebenen zu wirken, als auch nachdenklicher und von oben herab mehr in Frage zu stellen. Dass er sich dem Kaiser nicht mehr beugen will, ist das eine, dass er eigenmächtig mit Schweden Frieden schließen will, das andere.

Wo der Bürger nichts gilt, der Krieger alles
Das Stück spielt, wie in der Vorrede gesagt wird, „im 16. Jahr des Krieges (des dreißigjährigen), wo der Bürger nichts gilt, der Krieger alles“. Die Soldaten rauben das Land aus, durch das sie ziehen und dass sie es eigentlich gegen Feinde verteidigen sollen, wird zur Nebensache. Der größte Feind des Volkes sind sie selbst geworden. Das Stück spielt im letzten Akt des Dramas um den inzwischen zum General beförderten Wallenstein. Sein Heer zeigt Auflösungserscheinungen, der Sold bleibt aus und mit ihm die Kampfbereitschaft, die angelernte Grausamkeit und Skrupellosigkeit beginnt sich nun gegen denjenigen zu wenden, der sie ihnen anerzogen hat. Die Vatergestalt Wallenstein weicht schließlich der Vatergestalt des Kaisers, demzuliebe sie ihn schließlich töten, damit der Krieg in Ruhe weitergehen kann. Deutlich wird, Selberdenken ist für herrschende Mächte gefährlich und gehört  bestraft. Eigenmächtigkeit ist nur solange erwünscht, solange es den eigenen Interessen vorbehaltlos dient.

Gefährlich wars uns die Freiheit zu geben
Kraft, Einfluss und Erfolg wird erst hochdotiert und gerät dann schnell in Ungnade. „Gefährlich war´s uns die Freiheit zu geben“ / „Die Sonnen scheinen uns nicht mehr, wir müssen selbst uns leuchten“ Die Offiziere dagegen: „Was sind wir, wenn kaiserliche Huld sich von uns wendet?“ Die einfachen Soldaten: „Ein Jahr schon fehlt die Löhnung. Der Krieg, der nur den Kaiser groß gemacht hat, wird abgesetzt, wir wollen mit dir (zu Wallenstein) leben und sterben“    Doch Wallenstein ahnt sein Ende, er ruft den Offizieren zu (frei nach Jesus): „Wer ist´s, der mich verraten wird, wer von euch ist´s?“ Soldat: „Du bist verloren, wenn du abdankst“ Und kurz vor seiner Ermordung:  “Nur wer unter euch sich schuldlos fühlt, darf einen Stein auf mich werfen. Aber wer von euch ist ohne Schuld?“

Seht wie ein Zug aus Millionen
Zum Ende hin wird die Sache auf heutige Zeiten übertragen, „Seht wie der Zug aus Millionen, endlos aus Mächtigem quillt..“, die 1918er Revolution kommt in den Blick, die Weimarer Republik kommt ins Spiel, der Mord an Liebknecht und Luxemburg, an der Revolution wird kurz angeschnitten.

Revolutionen sind immer möglich
Soldaten ist das Gehorchen immanent, begehren sie auf, treten sie gleichsam aus dem Soldatendasein aus ein in eine andere Welt, das darf nicht sein, auch deshalb musste Wallenstein fallen. Die letzten Sätze lauten: „Verrat ist immer möglich, auch an Dir!“ / Revolutionen sind immer möglich, auch hier!“

http://www.anjaroehl.de

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Ein Rollentausch, der keine Karikatur ist

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