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Livekritik zu

Bunbury

21.11.2014 - 31.12.2014 | Stuttgart / Theater der Altstadt
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Andrea Ostberg
am 24.11.2014

Es war mal wieder Premierenzeit im Theater der Altstadt. Diesmal zeigt das Ensemble um Intendantin Susanne Heydenreich das Oscar Wilde Stück "Bunbury oder: Von der Notwendigkeit, Ernst zu sein."

Zu Beginn der Vorstellung ist die Bühne dunkel, Nebel wabert über die Kante. Die Stille ist aber nur die Ruhe vor dem Sturm.

Die Geschichte ist schnell zusammen gefasst: Algeron und Jack gehören der höheren Gesellschaftschicht an und sind gut befreundet. Aber beide führen, um Ihrem normalen gesellschaftlichen Leben ab und an zu entkommen eine Art Doppelleben. Jack lebt auf dem Land, nutzt aber jeder Gelegenheit in die Stadt zu flüchten. Dafür hat er seinem Bruder Ernst erfunden, dem er angeblich immer wieder zu Hilfe kommen muss. Bei Algeron ist es umgekehrt. Er flüchtet von der Stadt auf das Land, um seinem erfundenen Freund Bunbury beizustehen. Eigentlich läuft das System auch ganz gut, Rückendeckung erhält Algeron von seinem Diener Lane. Dieser ist auch stets zu Seite, wenn die reiche Tante Bracknell zu Besuch kommt. Kompliziert wird es, als Algeron sich als Jacks Bruder Ernst ausgibt und sich in Jacks Bündel Cecily verliebt. Jack ist dafür ist hin und weg von Algerons Cousine Gewndolen. Aber die beiden Damen wissen genau, was Sie wollen, trotz Ihrer Verliebtheit wollen Sie vor allem einen Mann mit dem Namen Ernst. Der Name ist wichtig, strahlt er doch Stärke, Wärme und Dauerhaftigkeit aus. Cecily geht sogar so weit, dass sie sich imaginär mit Jacks rebellischen und nicht existenten Bruder Ernst verlobt, ihm fiktive Briefe schreibt etc. Diese Idee wird passend mit den Selbstdarstellungsmöglichkeit auf facebook umgesetzt.

Zitat: " Das alles ist schon gepostet, das kann man nicht zurücknehmen"

Alle Figuren des Stückes sind witzig, wortgewandt und wissen was Sie wollen, alle haben noble Ziele, aber alle fantasieren sich auch gerne etwas zusammen und sind nicht wirklich ernst/Ernst.

Witzig, wie jede Rolle im Laufe des Stückes erzählt, wie die Zukunft auszusehen hat. Haus, Garten, Kinder, das richtige Auto, doch ganz so individuell wie sie meinen, sind sie nicht. Letztendlich sind sie doch gefangen von gesellschaftlichen Vorgaben. So sind Stand, Herkunft, der finanzielle Backround und die soziale Anerkennung wichtiger Bestandteil des Stückes.

Zitat: "Ein Haus nach Steiner gebaut  und doch bewohnbar."

Sicherlich ist dies der Lebensgeschichte des Autors Oscar Wilde geschuldet. Er lebte als glücklich verheiratet Mann, obwohl er homosexuell war. Ähnlich wie Jack war er nicht von Geburt an Mitglied der noblen Gesellschaft, sondern "erarbeitete" sich seine gesellschaftliche Stellung mit Witz, Weltgewandtheit und Esprit.

Das Stück wurde komplett "modernisiert". Die Anspielungen auf facebook, die immense Wichtigkeit von Posts und sozialer Darstellung, die Darstellung von Sein und Schein sind witzig und wortreich. Die Pointen kommen gut an und bringen den Ensemble viele Lacher - von Jung und Alt! - ein.

Zwischenapplaus gab es für die "Muffinszene", gespielt von Stefan Müller-Doriat als Algeron und Jörg Pauly als Jack. Die Krümel flogen nur so auf und von der Bühne. Fantastisch!

Auch mit den Kostümen hat sich das Theater der Altstadt wieder sehr viel Mühe gegeben. Der rollende Rock von Lady Bracknell ist sensationell!

Schon in der Pause, das Stück geht fast 2 Stunden, waren wir fleißig am diskutieren und analysieren. Nicht ganz so klar bin ich mir über die französischen Tanz und Gesangseinlagen. Ist das eine Anspielung auf Oscar Wildes letzten Jahre in Frankreich?

Für mich noch erwähnenswert ist Dietmars Kwokas Darstellung der Miss Prism. Seit Tootsie und Miss Doubtfire habe ich keinen Mann mehr so, ich kann es nicht anders nennen, niedlich eine Frau spielen sehen. Herzerwärmend und ganz ohne Drag-Effekt.

Natürlich hat das Stück auch ein Ende- dies ist durchaus überraschend und so praktisch! Mehr wird aber nicht verraten.

Der Besuch lohnt sich. Ein frisches Stück mit einem energiereichen Ensemble und die Karten sind absolut bezahlbar!

Besucherfazit

In diesem Stück kann keiner Ernst/ernst bleiben! Witzig, spritzig, kurzweilig.

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