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Ophelia verfallen - Kunsthistorikerin geht dem Ophelia-Kult durch die Epochen nach


Als das Alte Museum im Juni die Ausstellung „Natur als Vision“ eröffnete, gab es nach wenigen Tagen kein Ausstellungsplakat von der im Wasser liegenden Ophelia mehr. Die liebeskranke Ophelia des englischen Malers John Everett Millais schien in Berlin allgegenwärtig, schmückte doch ihr Bild die ganze Stadt. Schon in vergangenen Jahrhunderten erlebte die Geliebte Hamlets verschiedene Wellen der Verehrung. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts motivierte die Selbstmörderin Ophelia Künstler zu unzähligen Darstellungen. Die Verehrung ging so weit, dass sich Frauen nach der Ophelia-Mode kleideten und Laubkränze ins Haar banden. Warum Ophelia die Menschen immer wieder in ihren Bann zieht und zog untersucht die Kunsthistorikerin Simone Kindler in ihrer an der Freien Universität entstandenen Dissertation „Ophelia – Der Wandel vom Frauenbild und Bildmotiv“.

„Gerade die interdisziplinäre Betrachtung war besonders spannend“, erzählt die Berliner Kunsthistorikerin, erlaube sie doch Rückschlüsse auf die Gesellschaft zu ziehen. Frankreich erlebte in Folge der Französischen Revolution einen Ophelia-Boom, der mit einer Wiederentdeckung der tragischen Helden des englischen Dichters Shakespeare einherging. Der ‚terreur’ der französischen Revolution sowie die napoleonischen Kriege hatte die Gesellschaft der ‚grande nation’ umfassend traumatisiert, ein Grund weshalb in diese Zeit auch die Eröffnung der ersten Irrenanstalten fiel. Französische Theater spielten besonders gerne Shakespeare, da sich die vom Schrecken müde gewordenen Besucherinnen und Besucher erst jetzt mit den tragischen Heldinnen und Helden identifizieren konnten, obgleich der französische Philosoph Voltaire Shakespeare bereits im 17. Jahrhundert ins Französische übersetzt hatte. „Der einstmals heroische Held wandelte sich zum tragischen Helden“, so Kindler. Die meiste Projektion für das Theaterpublikum bot Shakespeares Hamlet, der am Ende des Stücks ebenfalls über seine Zweifel den Verstand verliert. Viele Männer begannen sich mit Hamlet gleichzusetzen, wie Männerporträts am Ende des 18. Jahrhunderts bestätigen.

Hamlets weibliche Gegenfigur bildete Ophelia, die der englische Dichter als eine dem Leichtsinn frönende Frau beschreibt, die für ihre Liebesglut und ihre Leichtfertigkeit mit dem Wahnsinn und dem sich anschließenden „schlammigen“ Tod bestraft werden musste. „Im Frankreich des ausgehenden 18. Jahrhunderts war Ophelia ebenso wie Hamlet höchst populär, da sie genug Raum für Empathie ließ“, sagt Simone Kindler. Als eine ‚femme fragile’ eignete sich Ophelia weit besser als Elektra und Medea als Spiegel eigener Gefühle und Sensibilitäten.

Dies zeigte sich auch daran, dass die französische Literatur der Figur der Ophelia mehr Platz einräumte, als Shakespeare ursprünglich vorgesehen hatte. Das Theater übernahm in Frankreich die Vermittlerrolle zwischen den literarischen Interpretationen und den Ophelia-Darstellungen in der Malerei. So war der französische Maler Eugene Delacroix derart von Ophelia-Aufführungen im Pariser Odeon beeindruckt, dass er der Tragischen einen Werkzyklus widmete und damit einen ersten Höhepunkt in der Auseinandersetzung mit Ophelia einleitete. Delacroix heroisiert Ophelia, die sich sterbend mit der Natur vereint, indem er die unglücklich Liebende in der Darstellung der biblischen Gestalt der Maria Magdalena angleicht. Ophelias Wahnsinn ist nicht mehr die tragische Strafe für die Frau, die sich den gesellschaftlichen Normen nicht unterwirft, wie noch in der literarischen Vorlage bei Shakespeare. Simone Kindler erklärt den französischen Ophelia-Kult mit dem Wandel des gesellschaftlichen Selbstverständnisses der Frau. Indem Delacroix seine Ophelia so weit anderen Sterblichen entrückt, ermöglicht er dem Publikum Ophelias leidenschaftliche Einstellung als eine heldenhafte Tat zu bewundern.

In England wurde die Geschichte der Ophelia hingegen anders rezipiert: Schon zum Ende des 18. Jahrhunderts tauchte das Motiv in der englischen Malerei auf, aber der Umgang mit dem Wahnsinn ist hier ein anderer. So wählte beispielsweise auch der in England lebende Schweizer Maler Johann Heinrich Füßli in seinen Zeichnungen zum „Tod der Ophelia“ (1770-1780) einen äußerst dramatischen Augenblick. Seine Ophelia hält sich noch am Ast fest, während sie ins Wasser gleitet. Füßli stellt Ophelia an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod dar und bringt damit auch das Unvermögen seiner Zeit zum Ausdruck mit dem Wahnsinn als Krankheit umzugehen. Auch in England beeinflusste das Theater die Malerei. Es ist bekannt, dass „Füßli große Bewunderung für Shakespeares Darstellung der menschlichen Natur in ihrer Leidenschaftlichkeit und komplexen Widersprüchlichkeit hegte“, erzählt Simone Kindler. Und fügt hinzu, „dass die bedeutende Rolle, die das Theater an der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert spielt, gar nicht oft genug betont werden kann.“


Kommunikations- und Informationsstelle der Freien Universität Berlin
ID 1683
Literatur:
Simone Kindler, Ophelia – Der Wandel vom Frauenbild und Bildmotiv,
Berlin: Reimer Verlag, 2004, ISBN 3-496-01316-8, 255 Seiten, 49 Euro

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
E-Mail: simone.kindler@12move.de




Kommunikations- und Informationsstelle der
Freien Universität Berlin
Kaiserswerther Str. 16-18
14195 Berlin

Tel.: 030 / 838-73182
Fax: 030 / 838-73187

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