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Filmbesprechung


Starttermin: 21.09.2006

„Road to Guantanamo“

(Großbritannien 2006)
Regie: Michael Winterbottom und Mat Whitecross

Gewinner Beste Regie Berlinale 2006

Guantanamo ist mehr als ein US-amerikanisches Gefängnis in Kuba. Guantanamo wurde zum Synonym von Menschenrechtsverletzungen, Folter und Rechtlosigkeit. Es ist ein moderner Sündenfall der Demokratie, der unser Wertesystem und damit uns selbst in Frage stellt. Und jeder weiß: Guantanamo ist kein Einzelfall.




Von vier wahren Einzelfällen aber erzählt die Geschichte, die Michael Winterbottom und sein Co-Regisseur Mat Whitecross in ihrem Film vorstellen. Die vier jungen Männer sind zwischen 19 und 23 Jahren alt. Sie leben in Tipton, England. Asif Iqbal ist 19, als seine Mutter aus Pakistan zurückkehrt, wo sie eine Frau für ihren Sohn gefunden hat. Also macht er sich auf den Weg zum pakistanischen Dorf, in dem seine zukünftige Frau lebt. Aber es kommt anders. Nachdem sich die jungen Männer in Pakistan ein paar schöne Tage gegönnt haben, gehen sie in Karachi in eine Moschee. Es ist kurze Zeit nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001. Der Imam fordert die jungen Männer auf, nach Afghanistan zu reisen, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Als sie nach einer beschwerlichen Busfahrt in Afghanistan ankommen, fallen in der Ferne gerade die ersten amerikanischen Bomben auf das Land. Wegen der Unruhen schaffen sie es nicht mehr zurück nach Pakistan. Erschöpft, verletzt und wegen des verdorbenen Trinkwassers erkrankt, landen sie in einer der letzten Hochburgen der Taliban.




Asif Iqbal, sein Trauzeuge Ruhel Ahmed und Shafiq Rasul müssen einen Lastwagen besteigen, mit dem sie abtransportiert werden. Ihr Freund Monir Ali ist auf einem anderen Wagen gelandet. Das ist das letzte, was sie von ihm hören. Die Truppen der Nordallianz nehmen sie gefangen. So geraten die drei in die Hände von US-Soldaten und vom britischen Geheimdienst, und werden schließlich nach Guantanamo verfrachtet. Es taucht ein Video auf mit den Al Quaida-Anführern Osama bin Laden und Mohammed Atta, die sich für die Anschläge auf das World Trade Center als verantwortlich bekannt haben. Auf dieser Kundgebung sollen die angeklagten britischen Staatsbürger angeblich zu sehen sein, glaubt das FBI. Schließlich findet der britische Geheimdienst heraus, dass sich die drei zur fraglichen Zeit in England befanden. Shafiq arbeitete nachweislich in einem Elektronik-Laden und die beiden anderen standen unter behördlicher Aufsicht, weil sie Bewährungsauflagen zu befolgen hatten. Obwohl die drei ihre Alibis schon in den ersten Verhören angegeben hatten, werden sie erst nach über zwei Jahren Inhaftierung in Guantamo entlassen, ohne dass jemals Anklage gegen sie erhoben worden wäre.




Asif, Ruhel und Shafiq erzählen im dokumentarischen Teil des Films ihre Erlebnisse selbst vor der Kamera. Zur Illustration drehten Winterbottom und Whitecross dann in Spielfilmszenen die Geschichten mit Schauspielern nach. Michael Winterbottom erinnert sich: „An ihren Erzählungen fasziniert mich, dass zwei von ihnen noch Teenager waren, als sie damals nach Pakistan aufbrachen, und keiner von ihnen besonders religiös oder politisch eingestellt war. Sie sind ganz gewöhnliche britische Jugendliche, die ohne ihr Zutun in die Ereignisse verwickelt wurden. Und uns wird ständig eingebläut, dass die Häftlinge in Guantanamo die gefährlichsten Terroristen der Welt sind.“



Die drei Männer, die nach den traumatischen Ereignissen in Afghanistan auch noch über zwei Jahre die Haftbedingungen in Guantanamo ertragen mussten, sind keineswegs gebrochen. Sie sind politisch bewusster, als sie das vor ihrem Aufbruch waren, und sie sind muslimischer geworden. Sie vertreten einen islamischen Glauben, der von Gerechtigkeit und Frieden geprägt ist. Dabei kann der Film nur die äußeren Bilder ihres Leidensweges nachstellen. Die seelischen Verletzungen bleiben nur Spekulation. Es ist bewundernswert, dass keiner von den Männern radikal oder fundamentalistisch geworden ist. Jeder Einzelne von ihnen macht den Eindruck, eher gestärkt aus den Ereignissen hervorgegangen zu sein. Durch sämtliche Folterungen, Erniedrigungen und Ängste hindurch haben sie das bewahrt, wonach man ihnen am meisten getrachtet hat: Ihre Menschenwürde. Im Gegensatz zu ihren Peinigern sind sie menschlich geblieben. Im Gegensatz zur aktuellen amerikanischen und britischen Politik haben sie die vermeintliche Polarität von Gut und Böse überwunden, sind über ihre Ängste und Rachegelüste hinausgewachsen und haben die Auswüchse und Sinnlosigkeit von Gewalt und Gegengewalt erkannt. Das war Michael Winterbottoms Anliegen mit seinem Film: „Es geht um den Kontrast zwischen der chaotischen und vielschichtigen Realität und der Schlichtheit und Simplifizierung von Bush und Blair andererseits, die darauf beharren, dass sie diese Menschen kennen, dass sie böse sind und dass es sich um einen Kampf Gut gegen Böse handle, einen Krieg gegen den Terror. Wenn man sich die vielen Facetten der Erfahrungen dieser drei jungen Männer vor Augen führt, begreift man, dass die Lage der Dinge in der Realität nicht so einfach ist.“

Der Film zeigt am Ende, dass es vielleicht auch eine höhere Gerechtigkeit gibt, als die der Justiz und Politik. Zum Schluss begleitet das Kamerateam einen strahlenden Asif zu dem Fest, zu dem er ursprünglich aufgebrochen ist – seiner Hochzeit. Der Film heißt zwar „Road to Guantanamo“ , „Der Weg NACH Guantanamo“, aber Asif Iqbal, Ruhel Ahmed und Shafiq Rasul haben den Weg über Guantanamo hinaus geschafft. Und damit haben sie sich weiter entwickelt als so mancher Hassprediger oder Politiker.


Helga Fitzner - red / 20. September 2006
ID 2671
„Road to Guantanamo“ (Großbritannien 2006)

Regie: Michael Winterbottom, Mat Whitecross
Drehbuch: Michael Winterbottom
Schauspieler: Farhad Harun, Arfan Usman, Rizwan Ahmed, Waqar Siddiqui, Shahid Iqbal, Jason Salkey, Jacob Gaffney, Mark Holden, Duane Henry, William Meredith, Payman Bina, Adam James, Ian Hughes, Ruhel Ahmed, Asif Iqbal, Shafiq Rasul

Weitere Infos siehe auch: http://www.roadtoguantanamomovie.com/






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