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Kultura-Extra

REISEBERICHT
Baikalsee 2005

von Simone Schlindwein

Einsame Wanderungen durch den Wilden Osten

Vier Wochen Rundreise um den Baikalsee
23. Juli bis 23. August 2005
Es war ein Traum, der diesen Sommer in Erfüllung ging. Ein Traum vom Reisen, vom fernen Osten Russlands, von Abenteuer. Ein Traum von unendlicher Weite und unbeschreiblicher Natur. Ein Traum eben, den man hat wenn man jung ist und die Freiheit sucht.


Fünf Jahre hatte ich diesen Traum geträumt. Vom ersten Tag meines Studiums in Osteuropastudien an, als ich zum ersten Mal vor der übergroßen Russlandkarte stand. Da war ein lang gezogener blauer Tintenklecks an der Südflanke dieses Riesenreiches: Baika’lnoe Morje, der Baikalsee. Dort wollte ich hin.

Vergangenen Sommer hatte ich mit Anne, einer Studienfreundin, zum ersten Mal Pläne geschmiedet: „Sibirien“ – das klang nach wildem Osten, Einsamkeit und Kälte, Perspektivlosigkeit, billigem Fusel und rauen Umgangsformen. Dennoch konnten wir viele unserer Freunde für den Trip begeistern und letzten Endes starteten wir am 23. Juli diesen Jahres zu fünft (Anne, Grischa, Jan, Alex und ich) von Berlin aus mit dem Flieger nach Moskau.


Samstag, 23. Juli 2005

Moskau war seltsam fremd an diesem warmen Sommertag, ich war zu oft im Schneematsch dort gewesen. Zum ersten Mal versprühte das Monstrum an Stadt einen gewissen Charme.
Wir saßen auf unseren 25-Kilo-Rucksäcken im Alexandergarten an der Kremle-Mauer und beobachteten die Wachablösung am Ewigen Feuer für die gefallenen Soldaten.

Anne, Grischa und Alex im Alexandergarten (von links nach rechts)
Die Moskauer flanierten Eis essend durch den angelegten Park, Touristen allerlei Nationen mischten die Szenerie auf. Ein letztes Mal prägte ich mir das Bild vom modernen, globalisierten und kommerzialisierten Russland ein, das ich bislang kennen gelernt hatte. Wie wird es wohl in Sibirien sein, dieses Leben?


Sonntag, 24. Juli 2005
Das Platzkartenabteil in der Transsibirischen Eisenbahn Doch Sibirien lag noch eine Woche und über 5000 Kilometer vor uns. In Moskau warteten die letzten Vorbereitungen. Wir mussten die Tickets für die Transsibirische besorgen, die uns liebenswerter Weise eine russische Freundin bereits vor Wochen am Schalter gekauft hatte. Wir mussten zudem eine Ausländer-Registrierung für die kommenden vier Wochen einholen - ein Prozess, den der Inlandsgeheimdienst von Touristen in Russland einfordert. Das war etwas kompliziert, denn gegen eine Gebühr von 20 € erhielten wir lediglich eine Aufenthaltsgenehmigung für 30 Tage in Moskau. Sorgfältig stempelte die alte Dame unsere Pässe. Dies bedeutete, dass wir die Hauptstadt eigentlich nicht verlassen durften. Welche Konsequenzen das nach sich ziehen könnte, darüber machten wir uns noch keine Gedanken. Dann wollten wir den drei Jungs die Hauptstadt mit all ihren bunten Kontrasten zeigen, die Moskauer Clubszene erleben, um dann nach einem gewaltigen Konsumrausch in einer 24h-Supermarktlandschaft in die Transsibirische Eisenbahn einzusteigen: Zug Nummer 10, „Baikal“ von Moskau nach Irkutsk. Abfahrt: 23.30 Uhr Moskauer Zeit am Jaroslawer Bahnhof, Bahnsteig 5. Völlig abgekämpft bestiegen wir das Platzkarten-Abteil im Wagen Nummer 12 und bekamen dort vier Hochbetten und einen seitlichen Platz zum zusammenklappen zugewiesen.


Montag, 25. Juli 2005
20 Minuten Zwischenstopp
Gestapelt saßen wir auf den beiden uns verfügbaren Sitzplätzen und falteten uns abwechselnd in die oberen Matratzenregale. In der ersten Nacht tranken wir Wodka anstandshalber noch aus kleinen Plastikgläschen und waren viel zu aufgedreht um schlafen zu gehen. Wir waren die einzigen, die wach blieben und so saßen wir im 52-Betten-Wagon zwischen Frauen mit Kindern und älteren Babuschkas, die manchmal leise und manchmal laut schnarchten. Andrej, unser Wagonschaffner zischte uns an, wir sollten doch endlich schlafen gehen. Doch dazu war hinter dem Ural ja noch genügend Zeit.


Dienstag, 26. Juli 2005
Zwischenstopp in der Abenddämmerung
Der „Baikal“ kroch wie eine Schlange durch die Landschaft. Langsam, gemäßigt mit 160 Km/h Spitzengeschwindigkeit. Es war wie eine Zeitreise durch fünf Zeit- und Vegetationszonen.
Hinter den dicht bewachsenen Ausläufern des Urals, kurz nach Sverdlowsk, das heute Jekatarinenburg heißt aber im Fahrplan mit sowjetischem Namen verewigt bleibt, lichtete sich die Landschaft. Die Taiga bestand aus streichholzdünnen, von Wind und Schneemassen schief gestellten, hoch gewachsenen Nadelbäumchen. Sie begeleiteten uns stundenlang wie ein Potemkin’scher Wald die Eisenbahn-Strecke entlang. Durch die fünf Reihen Fassaden-Bepflanzung konnte man die gerodete Unendlichkeit ausmachen: Halbgrüne Wiesen, sonst weit und breit nichts. Alle paar Stunden erspähten wir eine kleine Häusersiedlung neben den Gleisen. Drei Holzdächer später waren wir schon daran vorbeigerauscht.

Im kontinuierlichen Rhythmus von drei Stunden hielt die 14 Wagons lange, blau-weiße Schlange an einem meist frisch getünchten und sanierten Bahnhofsgebäude: Tjumen, Omsk, Novosibirsk, Krasnojarsk. 35 Stationen in dreieinhalb Tagen. Die Uhr im Zug zeigte Moskauer Zeit und auch quer durch Russland zeigten die Bahnhofsuhren Moskauer Zeit. Ich fühlte mich um viele Stunden betrogen. Die Sonne ging am frühen Abend unter, weckte uns wieder mitten in der Nacht. Kilometer um Kilometer, Stunde für Stunde bewegten wir uns nach Osten.


Mittwoch, 27. Juli 2005
Simone nimmt es mit Humor
Nach langen Stunden, Tagen, Nächten im überfüllten Platzkartenabteil stank der Wagon zum Himmel. Ich konnte nicht nur die Leute einzeln riechen, sondern auch was sie gegessen hatten. Der geräucherte Fisch von der Dame zwei Betten weiter, den sie zum Frühstück mit fettigen Fingern hinunter geschlungen hatte, stank immer noch aus der Mülltüte hervor. Der Geruch nach eingelegtem Knoblauch zu Brot und Wodka kam vom Tisch nebenan und konnte den Fisch nicht übertünchen. Den kalten Rauch schleppte unser dicklicher Nachbar mit sich rum, der die Nacht wohl im kleinen Raucher-Zwischenabteil verbracht hatte. Ich roch vorsichtshalber an mir hinunter, doch das Deo tat noch seinen Dienst.

In der zweiten Nacht, irgendwo zwischen Krasnojarsk und Marinsk begegneten wir dem Russland, das immer noch in einen verschwiegenen Krieg verwickelt ist. Auf irgendeinem dieser gottverlassenen Bahnhöfe zwischen West und Ost trafen wir auf zwei „Tote Seelen“, die sich mit einem traumatisierten Eifer die zweite Gehirnhälfte wegsoffen. Ihre Namen habe ich nie erfahren, vorgestellt hatten sie sich nicht bevor sie uns ihre erste Tschetschenien-Geschichte ans Bein banden. Sie seien auf Front-Urlaub, auf dem Weg nach Vladivostock, wo sie mal so richtig einen heben wollten. Stolz trugen sie ihre Narben und Kriegs-Tätowierungen auf dem nackten Oberkörper zur Schau, der in Camouflage steckte. Ihre Sprache war ein einziger fauler Haufen an unverständlich schmutzigen Wörtern, so dass ich beim ersten Kompliment angewidert das Gesicht verzog. Sei seien „Brüder“, meinte der eine, „Blutsbrüder – der Dreckskerl hier hat mir meinen verdammten Arsch gerettet!“ Grischa trank mit ihnen Bruderschaft bis die Sonne irgendwann um die falsche Uhrzeit aufging. Ab einer gewissen Promillegrenze sind einfach alle Brüder.


Donnerstag, 28. Juli 2005
Sonnenaufgang in Sibirien um ein Uhr Moskauer Zeit In der dritten Nacht konnten Anne und ich vor Aufregung und Bewegungsmangel nicht mehr schlafen. Gegen ein Uhr Moskauer Zeit ging die Sonne auf und die Nacht hinterließ einen weißen Hauch auf den Wiesen.
Viele Stunden vor Ankunft kam plötzlich Leben ins Abteil. Unsere russischen Nachbarinnen schlängelten sich hinter vorgehaltenen Betttüchern aus ihren obligatorischen Jogginganzügen und kamen gestriegelt und geschminkt hinter denselben wieder hervor. Die Betten wurden in Eile zusammengeräumt, die Lebensmittel hektisch verpackt. Noch bevor wir nur wussten wo wir all unseren Kram verteilt hatten, kam die zickige Schaffnerin vorbeigerauscht um die Bettwäsche einzusammeln. Alles war in wilder Aufregung, also räumten auch wir unsere Rucksäcke wieder ein.
Als wir am frühen morgen gegen fünf Uhr Moskauer Zeit den Zug verließen, war es wie ein kleiner Zeitsprung. Außerhalb des Bahnhofgeländes zeigte die Uhr fünf Stunden später. Wir waren in Irkutsk angekommen.


Freitag, 29. Juli 2005
Im Dauerlauf die Gleise entlang zum Bahnhof
Die Gouvernement-Hauptstadt Ost-Sibiriens erlebten wir zu Fuß im Schnelldurchgang: wir mussten jede Menge Geld abheben, einen Campingladen finden um Gaskartuschen zu besorgen und die Rückfahrttickets nach Moskau kaufen. Um unseren Bewegungsdrang zu befriedigen suchten wir an den Bahngleisen entlang wandernd nach der Eisenbahnbrücke um den Angara zu überqueren. Die Brücke, die auf unserem neuen Stadtplan eingezeichnet war, war zwar in Sichtweite befand sich aber im Rohbau und war noch nicht einmal geschlossen.
In der prallen Mittagssonne tippelten wir weiter die Gleise am Ufer entlang bis zur Eisenbahnbrücke über den großen Fluss. Der Angara ist der einzige Ablauf des Baikalsees und frisst sich dementsprechend schnell, groß und tief durch die fruchtbare Landschaft. Vor vielen Jahren hat man ihn mit einem Wasserkraftwerk gestaut, was den Ablauf verlangsamte und den Wasserspiegel des Baikal um durchschnittlich einen Meter anschnellen ließ.
Das Wasser des Angara war kalt und rauschte in gewaltigen Massen an uns vorbei. Wir befanden uns nur noch ca. 60 Kilometer vom See entfernt. Aufregung und Vorfreude jagte uns durch die Stadt, wir ließen uns von keinem Hindernis entmutigen.

Fußgängerzone in Irkutsk Irkutsk – das Paris Sibiriens erhielt seinen Namen 1652, als erstmals russische Kosaken stromaufwärts ziehend ein Winterlager am Angara-Zulauf des Irkut-Flusses errichteten. Mit heute mehr als 650.000 Einwohnern ist „Irkutsk die einzig wirkliche Stadt in Sibirien. So wie England London und Frankreich Paris geschaffen hat, so schuf Sibirien Irkutsk. Es ist stolz auf diese Stadt, und wer Irkutsk nicht gesehen hat, hat Sibirien nicht gesehen“ – schrieb Nikolaj Šelgunow um 1860.

Nach vier Tagen Zugfahrt stinkend, übermüdet und abgekämpft aber absolut vorbereitet stellten wir uns in die lange Warteschlange am Ticketschalter. Noch bevor wir an der Reihe waren verdrehte die zickige Dame im Glaskasten prompt die Augen. Wir hatten keine zwei Worte auf Russisch sagen können, da blökte sie uns durch ihr kleines Fensterchen entgegen: „Ihr seid doch Ausländer. Also geht in die zweite Etage, dort seid ihr richtig, dort versteht man euch. Ich darf euch keine Tickets verkaufen, Weisung von oben!“. Wir verdrehten die Augen, diskutierten patzig, nichts zu machen. Es war klar, was es bedeuten würde, in die Ausländer-Etage geschickt zu werden. Ich atmete tief durch bevor wir die breiten Marmor-Treppen hinaufstiegen.

Alex, Jan und Grischa im Service-Center der Russischen Bahn (von links nach rechts) Unter Ausländer-Service versteht man in Russland einen kitschig eingerichteten Raum mit Klimaanlage, wo man stundenlang auf einen Service, den man nicht bekommt aber dennoch bezahlen darf, auf einer Couch warten muss. Zwei der Frauen hinter den Schaltern lösten gelangweilt ihre Kreuzworträtsel, die dritte fertigte vor uns eine Französin ab. Wir merkten sofort: Fremdsprachenkenntnisse waren im so genannten Ausländer-Service, der uns viele hundert Rubel kostete, nicht enthalten. Also standen wir nach Stunden auf der Couch wartend am Schalter und mussten mit der von Ausländern überdeutlich genervten Dame auf Russisch verhandeln, wann wir mit welchem Zug zurückfahren durften. Völlige Erschöpfung in Irkutsk: Alex (vorne) und Jan (hinten)Sie gab uns weder den Zug noch die Schlafplätze die wir haben wollten, schlug uns die besagte Service-Gebühr auf, erklärte uns nach mehrfachem, hartnäckigen Nachfragen, dass die Bahngesellschaft im August eine Saison-Pauschale erhebe und es deswegen noch mal teuerer sei und wand sich anschließend ohne ein einziges mal gelächelt zu haben wieder ihrem Kreuzworträtsel zu. Worüber wir uns beschwerten und warum wir es nicht einsehen wollten, eine Ausländer-Service-Gebühr zu entrichten, war ihr irgendwie total egal. Es half alles nichts, wir weckten die Jungs auf, die auf der Couch geschlafen hatten, und schlichen uns frustriert davon. Wir konnten uns noch soviel Mühe geben, das russische Eisenbahnsystem und die Spielregeln zu kennen und zu verstehen. Selbst mit guten Sprachkenntnissen ist und bleibt Russland ein Trimm-Dich-in-deiner-Hartnäckigkeit-Pfad, nicht nur für Ausländer.


Samstag, 30. Juli 2005
Die Fähranlegestelle in Listvianka
Am nächsten Tag fanden wir einen netten, armenischen Fahrer, der freundlich lächelnd am Bahnhof stand wo wir Autofahrer nach einer Mitfahrgelegenheit zum Baikal fragten. Er wollte 1000 Rubel für die 60 Kilometer und da wir zu fünft in seinen Kombi einsteigen wollten, mussten wir das Bestechungsgeld für die Polizeikontrolle zusätzlich übernehmen. Um einer möglichen Kontrolle aus dem Weg zu gehen – immerhin waren wir nur in Moskau registriert und durften uns in den Augen des Inlandgeheimdienstes gar nicht außerhalb der Hauptstadt aufhalten – setzte ich mich zwischen die Beine der anderen auf den Fahrzeugboden. Das Risiko und das Geld waren in dem Moment egal, wir wollten einfach endlich am Ziel unserer Reise ankommen.

Die Fähre über die Flussmündung nach Port Baikal war das erste Highlight unserer langen Baikal-Reise. Die Luft roch nach Wasser, der See glänzte in der Mittagshitze und war so unendlich klar wie kalt. Wir setzten auf die andere Seite der Flussmündung nach Port Baikal über von wo aus unsere Wanderung beginnen sollte.
Überfahrt über die Flussmündung
Port Baikal lag bei Kilometer 72 der alten Baikal-Bahn-Strecke der Transsibirischen Route nach Peking. Dieser Streckenabschnitt wurde nicht mehr befahren seitdem 1959 der Stausee vor Irkutsk gebaut und die Transsib-Route verlegt worden war. Wir fragten uns bei den alten Leuten in dem fast ausgestorbenen Dorf durch: Zwei mal die Woche sollte angeblich ein Bummelzug entlang tuckern, der Lebensmittel und die Post in die einsamen Siedlungen entlang der alten Strecke brachte. Es war nicht einfach sich mit dem Gefühl anzufreunden, am Ende der Welt angekommen zu sein.
Die alte Lok in Port Baikal
Es war heiß an jenem Tag, der See reflektierte das Sonnenlicht, die Rucksäcke waren schwer. Bei Kilometer 76 war die abstrakte Felsenmalerei neben den Gleissträngen ein Anlass den ersten Zeltplatz zu suchen.

Der See lag direkt vor uns, war weit und spiegelglatt. Das Wasser war eisig, nach Luft jappsend kamen wir quiekend gleich wieder heraus gesprungen. Man fühlte es dem See an, dass er von Oktober bis Juni metertief zugefroren war. Als wir die ersten Plastikflaschen mit trinkbarem Seewasser füllten, liefen sie von innen an, als ob sie im Tiefkühler gelegen hätten. Es schmeckte nach Energie, nach reinem Sauerstoff und war einfach das beste Wasser was ich je getrunken hatte.


Am ersten Abend blickten wir stumm nebeneinander am Lagerfeuer sitzend auf den gewaltigen See hinaus. Tausende Wetterleuchten blitzten über dem gewaltigen blauen Spiegel auf, Sterne funkelten von oben wie von unten. Millionen von Mücken, Faltern, Käfern und anderem Kleintier summte und brummte um uns herum, doch wir saßen vor Ehrfurcht gebannt auf den See hinausstarrend da. Ich fühlte mich klein, sehr klein.


Sonntag, 31. Juli 2005
Entlang der alten Baikalbahn
Es war später Nachmittag als wir am nächsten Tag aufbrachen. Wir hatten einen langen Weg vor uns. Die nächste Stadt lag 120 Kilometer entfernt, es gab drei Haltestellen unterwegs wo mittwochs und sonntags die alte Baikalbahn jeweils stundenlang halten musste. Kilometerweite schlängelten sich die Schienen am Ufer entlang, es gab keine Trampelpfade, nichts dergleichen. Wir hüpften auf den unregelmäßig schief liegenden Gleisbohlen vorwärts. Das Holz war morsch und das Gleisbett verwachsen. Das Alter von mehr als hundert Jahren sah man der Zwangsarbeiter-Konstruktion mehr als deutlich an.

Durch dunkle Tunnels entlang der alten Transsib-Strecke Drei Tage wanderten wir so durch die unbeschreibliche Landschaft ohne auf eine Menschenseele zu treffen. Die Welt war wie ausgestorben. Alle zehn Kilometer keuchten wir an paar einsamen Holzhütten vorbei, doch auch hier war kein Mensch zu sehen. Die Bahnstrecke führte durch lange dunkle und feuchte Tunnels, durch die der Wind hindurch sauste. Kap für Kap und Bucht für Bucht tippelten wir von Holzbohle zu Holzbohle.

Das einsame Naturschauspiel, dessen Zeugen wir werden durften, entschädigte uns für alle Blasen, die wir blutig liefen, und für die Hüft- und Rückenschmerzen, die der 25-Kilo-Rucksack nach sich zog. Nachts zelteten wir am Ufer, kochten am Lagerfeuer und bestaunten von weitem das seltsam stumme und somit unheimliche Wetterleuchten am tiefschwarzen Horizont. Es war als ob sich die Götter streiten würden.


Dienstag, 2. August 2005
Herrliche Aussicht auf den Baikal
Am dritten Tag begegneten wir irgendwo bei Kilometer 92 einigen schwitzenden Gleisbauarbeitern, die die morschen Bohlen gegen neue, in Teer getunkte und schwarz in der Sonne glänzende austauschten. Wir grüßten, unterhielten uns ein bisschen. Die kräftigen Kerle waren freundlich und lachten unverständlich als wir erzählten, dass wir einfach nur wandern wollten. „Wohin denn um Gottes willen? Hier ist doch nichts!“, Kopf schüttelnd gruben sie weiter. Wenig später kamen wir an ihrem Bauarbeiter-Zug vorbei, auf welchem die nach Teer stinkenden Bohlen aufgeladen waren.

Viele tausend Gleisbohlen später saß zwischen einigen verlassenen Holzhütten ein junger Russe rauchend auf den Gleisen. Gelangweilt und genervt ließ er sich jede Information einzeln aus der Nase ziehen: Er wartete auf den Zug. Nicht auf den Sonntag- oder Mittwochzug. Auf den Arbeiterzug. Der würde hier vorbeikommen. Dann nach Süden durchfahren. Etwa in einer Stunde. Wir setzten uns in dem Wissen, es würde eine lange, russische Stunde werden.

Am Abend hielt in der Dämmerung eine Grasmähmaschine auf dem Abstellgleis nebenan und entlud noch mehr grimmig dreinschauende Kerle. Der eine hatte Narben kürzlich aufgeschnittener Pulsadern an den Handgelenken und der andere sichtbare Spuren von Einschusslöchern auf dem nackten Oberkörper. Sie stanken nach billigem Fusel und fummelten sichtlich besoffen an einem Fischernetz herum. Es war schon lange dunkel als dann endlich der Bauarbeiterzug tutend und schnaubend um die Ecke bog und ächzend neben uns stehen blieb.
Fischen ist die notwendige Nebenbeschäftigung der Gleisbauarbeiter Wir mussten nicht lange fragen sondern wurden mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit samt Gepäck auf den Stahlkoloss gehievt. Zum Dank packten wir den deutschen Schnaps aus, den wir vorsorglich für solche Gelegenheiten mitgenommen hatten. Die russischen Bauarbeiter tauschten ihn gerne gegen ihren selbst gebrannten Spiritus-Fusel.

Der eisige Baikalwind pfiff uns um die Ohren als wir auf dem schmierigen Anhänger-Wagon durch die Nacht tuckerten. Immer wieder hielt die Lok stöhnend und seufzend an, um einige Gleisarbeiter in ihren Feierabend zu entlassen. Frauen warteten auf der Türschwelle der kleinen Holzhäuschen, die den Streckenabschnitt säumten.
Viele Tunnels, Galerien und Kilometerabschnitte später rauschten wir hupend durch ein Potemkin’sches Holzdorf: große luxuriöse Villen, angelegter Rasen, Tennisplätze und Swimmingpools: Es war die Anlage, die der Russische Staat für offizielle Staatsbesuche am Baikal unterhielt. Einige Kilometer später durchquerten wir auf der Lok ein ebenso repräsentatives Jugend- und Sportsanatorium.
Anschließend machte der See und mit ihm das Gleisbett in einer wunderschönen Bucht kurz vor Kultuk eine lang gestreckte Linkskurve. Wir hatten das südliche Ufer des Baikal erreicht!


Mittwoch, 3. August 2005
Der Marmor-Bahnhof in Sludjanka
Die Bahnhofsuhr zeigte frühen Abend Moskauer Zeit, doch es war bereits mitten in der Nacht als wir komplett durchgefroren in der südlichen Kleinstadt Sludjanka auf einem Abstellgleis vom Arbeiterzug hinunter kletterten.

Auf dem Bahnhof arbeiteten rastlose, burjatische Steinmetze an ihrem neuen Prestigeprojekt: dem einzigen Bahnhof der Welt, der komplett aus Marmor besteht. Der weiß-graue Stein glitzerte im grellen Schein der Baustellenstrahler, doch hinter der Bahnhofsbaustelle war die Kleinstadt wie ausgestorben. Stockdunkel. Wir steuerten auf die einzige Lichtquelle zu. Es war ein kleiner Einkaufsladen, dessen Tür weit offen stand. Die nette Burjatin schickte uns zum Ufer, wo wir unser Zelt aufschlagen sollten.
Das erste Morgengrauen schlich schon über den See als wir im Schein der Taschenlampen die Zelte windgeschützt an einem Bretterzaun entlang aufbauten.

Donnerstag, 4. August 2005
Strasse in Sludjanka
Kaum eingeschlafen schreckte ich auf weil Leute flüsternd um unsere Zelte herumschlichen. Ich kroch nach draußen und begrüßte die erstaunt dreinblickenden Frauen mit einem „dobre utro“, „guten Morgen“. Sie verschwanden stumm mit dem Kopf schüttelnd durch eine kleine Tür im meterhohen Bretterzaun. Ich blickte mich um, am Ufer des Sees tummelten sich noch mehr Leute und schleppten eimerweise Wasser zu ihren Häuschen zurück. Sie guckten mir neugierig zu wie ich ebenso Wasser holen ging.
Wir bauten provisorische Regendächer
Am späten Vormittag stellten Boris und Maria ihr Zelt neben den unseren auf und besorgten trockenes Feuerholz. Während der Regen auf die provisorische Planenkonstruktion prasselte, erzählten sie uns von ihrer Hochzeitsreise um den Baikalsee. Sie kamen beide aus Žita, einige hundert Kilometer gen Osten, und waren Studenten wie wir. Wir aßen zusammen Grežka (gekochten Buchweizen), spielten Karten bis in den Abend hinein. Zum Abschied begleiteten sie uns zum Bahnhof zurück wo wir um 18 Uhr Moskauer Zeit/ 23 Uhr Ortszeit den Zug nach Ulan Udé bestiegen.

Die beiden älteren Damen, über deren Köpfe wir unserer Rucksäcke hinwegwuchteten, kläfften uns gleich an als wir das Platzkartenabteil betraten. Wir würden stinken, meinten sie. Da hatten sie nicht Unrecht. Wir öffneten das Fenster, weil unserer Meinung nach der ganze Wagon nach schlimmer roch als wir. Dann schimpften sie erst so richtig los. Wir raunzten auf Russisch zurück, dann war Ruhe im Abteil.
Hier fand ich mich zum ersten Mal mit der Tatsache ab, dass harte Worte und schroffe Gesten zum Alltagston gehörten, nicht nur gegenüber Ausländern. Wer in dieser Gesellschaft überleben will, muss sein Mundwerk und seine Ellenbogen ausfahren.
Anne und ich unterhielten uns leise flüsternd darüber während die beiden Babuschkas laut unter uns schnarchten. Wir erinnerten uns an den Traum, den wir einmal hatten: hier hinten, in Sibirien, die russische Seele zu entdecken. Die herzliche, gastfreundliche und einfühlsame. Wir wollten auf die Suche gehen.


Freitag, 5. August 2005
Fußgängerzone in Ulan Udé
In acht Stunden rauschte draußen in der Finsternis das südliche Baikalufer vorbei. Morgens um drei Uhr Moskauer Zeit, also acht Uhr Ortszeit, strandeten wir in Ulan Udé auf dem ebenfalls frisch sanierten Bahnhof.

Die heute im russischen Hinterland lebenden Burjaten sind die Nachfahren der alten zentralasiatischen Turkvölker, die erst von den Mongolen unter Dschingis Khan und anschließend von den russischen Kosaken erobert wurden. Ursprünglich waren dies Nomadenstämme, die erst in den vergangenen Jahrhunderten sesshaft wurden. Sie sind im Durchschnitt eher klein, haben dunkle Haut und asiatisch anmutende Schlitzaugen. Die Burjaten unterscheiden sich untereinander in ihrer Kultur und Tradition: die Ostburjaten um ihre Hauptstadt Ulan Udé fühlen sich eher den mongolischen Sitten und der tibetischen Religion zugeneigt, während die Westburjaten sich eher von russisch- orthodoxen Einflüssen haben prägen lassen.

Die Leninbüste auf dem zentralen PlatzDie Rucksäcke verstauten wir im Gepäckraum im Bahnhofsgebäude und machten uns zu Fuß auf den Weg. Die Stadt war gerade am erwachen. Hinter einem überdimensionalen Leninkopf ging symbolischerweise die Sonne über dem ehemaligen Paradeplatz auf. Die Riesenbüste blitzte uns mit seltsam anmutenden, burjatischen Schlitzaugen feurig entgegen und schien noch immer die Stadt zu bewachen. Von einer Liftfasssäule sprang mir die Werbung für einen neu angelaufenen Kinofilm entgegen: „Big Brother Is Watching You!“ hieß die russische Produktion. Einige rastlose Burjaten stürmten zur Arbeit die Uliza Lenina entlang als hätten sie die Ironie der Geschichte noch nicht bemerkt. Hungrig suchten wir die Innenstadt nach einer Gelegenheit zum Frühstücken ab. Ulan Udé war schick, hatte einen eigenen Stil, eher zentralasiatisch, und war an diesem frühen Morgen irgendwie verlockend. Wir schlenderten durch die frisch angelegte und reinliche Fußgängerzone. Die ersten Buden öffneten ihre kleinen Fensterchen wo wir wieder einmal viel zu süßen Kaffee und Kekse kauften. Am modrigen Ufer des Selenga packten wir ein Frühstücks-Picknick aus und machten den überfälligen Kassensturz.

Unsere Bauchtaschen erzählten die schmerzhafte Tatsache dass wir bereits viel mehr Geld ausgegeben hatten, als wir irgendwie eingeplant hatten. Wir einigten uns darauf, in dieser Gouvernement-Stadt noch einmal Geld abzuheben – einen Notgroschen sozusagen – und dann ordentlich auf Sparflamme zu kochen. Wir hatten immerhin noch einmal dieselbe Kilometeranzahl vor uns. Spätestens hier mussten wir anfangen, dem Konsumrausch entsagen zu lernen. Bedrückt spazierten wir durch die kleinen Straßen zwischen den Holzhäusern zum Busbahnhof, um die billigste Möglichkeit zu suchen aus der Stadt hinaus zum 60 Kilometer entfernten See zurück zu kommen. Es sollte das letzte Mal auf unserer Reise gewesen sein, dass wir uns öffentliche Verkehrmittel leisten konnten.

Sonnenuntergang am östlichen BaikalDer Minibus Richtung Norden fuhr gegen18 Uhr Ortszeit und hatte noch fünf Plätze für uns frei. Das Gepäck kostete extra und wurde nur notdürftig auf dem Dach festgeschnürt. So düsten wir in Übertempo auf einer sandigen Holperpiste durch die sibirischen Wälder Richtung Baikalsee zurück. Die Strecke am Ostufer entlang war ein einziger goldener Traum, als die untergehende Sonne die spiegelglatte Oberfläche in glänzendes Licht verwandelte. Als wir rechts wieder in die Wälder abbogen, wäre ich gern ausgestiegen, um mich vor Sehnsucht in das goldene Nass zu stürzen. An den See zurück zu fahren war wie nach Hause zurück zu kehren. Ich fühlte mich von der über 25 Millionen Jahre alten Urquelle dieser eisigen Region magisch angezogen.

Die Idee laut unserem Reiseplan war, an einem kleineren, warmen See zwei Tage zu zelten, um dort unsere schmutzigen Sachen zu waschen und auch selbst einmal richtig baden zu gehen. Doch die Realität diktierte uns den Weg.
Jedenfalls erzählten wir unserem Busfahrer von diesem kleinen blauen See neben dem östlichen Baikal auf unserer russischen Landkarte. Er nickte wissend und versprach uns dort hinzufahren. Nachdem wir bei Kilometer 120 nördlich von Ulan Udé von der sandigen Fernstrasse nach rechts in den Wald abgebogen, hielt er nach ca. fünf Kilometern vor einem dicken hässlichen Wohnblock mitten im Wald und lud schweigend unsere Rucksäcke vom Dach. Wir erreichten den kleinen warmen See erschöpft im letzten Schein der horizontalen Sonnenstrahlen. Es war malerisch anzuschauen. Doch ich träumte davon am Baikal zu sitzen und zum ersten Mal vom östlichen Ufer aus die Sonne im Meer untergehen zu sehen.


Samstag, 6. August 2005
Jan am kleinen See in der Dämmerung
Am nächsten Morgen, ach, es war bereits schon wieder Nachmittag, pilgerten Anne und ich ohne Frühstück a los. Vielleicht tat es unserer Gruppenstimmung ganz gut, sich aufzuteilen und verschiedene Erfahrungen zu machen, damit wir uns am Abend wieder etwas zu erzählen hatten.
Jeden, den wir auf den nächsten fünf Kilometer trafen, fragten wir nach der Fähre im nächsten Ort, Turka, die auf unserer Landkarte abgebildet war. Die Frauen riefen fast das ganze Dorf zusammen, um sich dennoch nicht einig zu werden. Das Fazit war: die Fähre fuhr aus irgendeinem Grund wohl nicht mehr. Über die staubige Sandpiste schleppten wir uns mit immer noch wunden Füßen zum Baikalsee zurück, der sauber und kalt war. Dort konnten wir uns endlich waschen und uns anschließend über die weitere Reiseroute Gedanken machen.

An diesem wunderschönen Sandstrand frisch gewaschen sonnenbadend lagen wir nicht lange alleine. Als wir widerwillig den russischen Kerlen lästige Fragen beantworteten und sie dann mit ihrem Kassettenrekorder auf voller Lautstärke weiterschickten, war uns plötzlich klar, wie sehr wir unsere drei hübschen Begleiter brauchten. Die waren mittlerweile auch am Strand eingetroffen und saßen Kriegsrat haltend auf einem Hügel einige hundert Meter entfernt. Sie wollten unbedingt weitergehen.


Sonntag, 7. August 2005
Fettige Kartoffeln zum Frühstück
Mit einem überfettigen Frühstück aus frittierten Kartoffeln mit Ketchup, die wir mit einem Schluck Wodka hinunterspülten, begruben wir am nächsten morgen das Kriegsbeil der vergangenen Nacht und verabschiedeten uns von unseren drei Jungs, die heute einen weiteren Gewaltmarsch unternehmen wollten. Anne und ich waren uns einig, den Tag am Strand verbringen zu wollen, Wäsche zu waschen und am Abend nachzukommen.

Im Kasamas durch TurkaDie Sonne stand schon tief als wir unsere frisch gewaschenen Klamotten von der Leine nahmen und sie in den Rucksack zurückstopften. Wir standen keine fünf Minuten an der staubigen Strasse als der erste Lastwagenfahrer mit dem alten sowjetischen Kasamas an uns vorbeirauschte. Er hatte zwar einen Bremsweg von mehreren hundert Metern und hinterließ dabei eine gelbe Wolke, aber er hielt an. Durch seine Zahnlücke hindurch grinste er uns breit entgegen, während er uns zuschaute wie wir unsere Rucksäcke in seine Fahrerkabine wuchteten. Dann ging es holpernd los.
Er habe Holz in Ulan Udé abgeliefert, erzählte er uns kurz angebunden, und sei er auf dem Rückweg nach Ust’Barguzin, wo er lebe. Morgen würde er dann wieder Holz aus dem dortigen Sägewerk nach Ulan Udé liefern. Er legte laut Musik ein und lutschte an seinem nächsten Glimmstängel.

Die Küstenstrasse am Ostufer des BaikalIm Minutentakt kamen uns auf dieser Strecke die mit dicken Baumstämmen voll beladenen Kasamas-Lastwagen entgegen. Ganze Sibirische Wälder wurden hier nach China abtransportiert. Neben dem Öl ist das Sibirische Holz der beliebteste Rohstoff, den Russland in das benachbarte Reich der Mitte exportiert.

Wir holperten durch Turka, wo es wirklich keine Fähre mehr gab. Nach einem kurzen Stopp an einer Tankstelle, wo unser Trucker den dort Rumsitzenden stolz von den beiden deutschen Mädchen in seinem LKW erzählte, ging es weiter durch die tiefen Schlaglöcher.
Die Sonne ging bereits über dem Barguzin-Delta unter als wir am Sägewerk und an der Müllhalde vorbei nach Ust’Barguzin einbogen und uns der alte Kauz direkt vor der Fähre aus seinem Kasamas steigen ließ. Wir verabschiedeten uns herzlich. Es war in diesem Moment noch nicht klar, dass er uns unmittelbar am Ende der Welt in einem elenden Drecksloch abgesetzt hatte.

Am Hafen von Ust'BarguzinWir hatten uns eben erst zwei Mal umgedreht als uns ein dreist grinsender Milizionär mit offenen Armen in Empfang nahm. Er fragte direkt nach der Registrierung. Hier war es an der Zeit, ganz ruhig zu bleiben. Wir machten einen auf altklug: wir wüssten ja sehr genau, dass wir uns spätestens am dritten Tag unseres Aufenthaltes registrieren lassen müssten. Sicher doch! Gewiss doch! Aber wir seien doch eben erst angekommen. Das habe er ja doch gesehen. Und es sei schon spät. Außerdem wollten wir morgen ja direkt weiter auf die Insel.
Keine Ahnung, was er wirklich von uns wollte. Er ließ lange mit sich verhandeln und sich letzten Endes breit schlagen. Ohne unsere Pässe kontrolliert zu haben, stahl er sich davon. Wir grinsten uns an. Das war gerade noch einmal gut gegangen. Doch die nächste Unannehmlichkeit wartete bereits zehn Meter weiter: Grischa, Alex und Jan waren nirgendwo zu sehen.

Wracks am Ufer von Ust'BarguzinDie Rucksäcke in Sichtweite positionierend setzten wir uns auf gelbe Plastikstühle vor einem kleinen Restaurant. Wir hatten kaum einen Kaffee und eine Suppe bestellt, als ein paar besoffene Typen auf das Restaurant zuwankten. Der eine setzte sich unmittelbar an unseren Tisch, plapperte im Vollrausch vor sich hin. Die anderen bestellten noch mehr Wodka. Hier war es dann an der Zeit richtig laut und deutlich zu werden. Ich stand auf uns brüllte sie an, sie sollten sich gefälligst verpissen. Die Köchin linste neugierig aus ihrem Küchenfenster hindurch, aber es interessierte sie nicht weiter. Kleinlaut verkrümelten sich die Volltrunkenen.

Wir ließen gerade zum zweiten Mal unseren Kaffee zurückgehen, den wir überdeutlich ohne Zucker bestellt hatten, der aber eindeutig gezuckert war, als zwei aufgemotzte Ladas mit lauter Musik vor dem kleinen Restaurant eine Vollbremsung hinlegten. Aus allen Türen gleichzeitig kletterten die angetrunkenen Kerle aus den rostigen Kisten, die sich direkt neben uns setzten. Das konnte ja heiter werden. Wo waren nur unsere Jungs stecken geblieben? Es war bereits dunkel.
Wir überlegten lange, machten uns fast Sorgen. Immerhin war es bereits viele Stunden nach dem verabredeten Zeitpunkt. Verzweifelt dreinblickend kam uns beide ein- und derselbe Gedanke: die Miliz! Wenn der verschmitzt grinsende Uniformierte hier am Ende der Welt herumstand um Ausländer nach ihrer Registrierung zu fragen, dann musste er die drei Jungs genau so empfangen haben wie uns!

Plötzlich war alles logisch. Aufgeregt stopften wir uns die letzten vorhandenen Geldbündel in die Unterwäsche und klemmten die obligatorischen 200 Bestechungs-Rubel mit einer Büroklammer an der Registrierung fest, als die Köchinnen und Bedienungen das Restaurant abschlossen. Wir fragten sie nach der Miliz und weckten somit einen unübersehbaren Mutterinstinkt in ihren russischen Seelen. „Was wollt ihr Mädchen denn bei der Miliz mitten in der Nacht?“. Wir erzählten ihnen die Geschichte von unseren „Ehemännern“ und dem Freund, die alle drei nicht aufzufinden seien. Wild durcheinander quasselnd prasselten alle gut gemeinten Ratschläge auf einmal auf uns ein: Wir hätten nie heiraten sollen! Wir sollten uns direkt wieder scheiden lassen! Wir sollten einem so undankbaren Pack nicht trauen! Wir sollten nicht nachts alleine hier herumstehen! Wir könnten aber bei ihnen schlafen! Wir könnten zur Miliz gehen! Wir könnten die Miliz anrufen!
Das taten sie dann freundlicherweise auch. Doch bei der Miliz waren keine „unerlaubten“ Ausländer. Zum Glück nicht.

Endlich stiegen die Jungs aus diesem LKWEs versammelten sich noch mehr Frauen auf der Strasse unter der einzigen elektronischen Beleuchtung Ust’Barguzins. Die Eine wollte am Ortseingang einen Kasamas gesehen haben, aus dem drei Jungs mit Rucksäcken ausgestiegen seien. Laut nach uns rufend kamen sie auch schon die dunkle Strasse entlang marschiert. Ich wusste nicht ob ich sauer sein oder mich darüber freuen sollte, dass wir uns endlich viel Spannendes zu erzählen hatten.

Erst einmal ließen wir uns von der dicken alten Köchin in ihrem frisch renovierten und noch nicht wieder eröffneten Laden einquartieren, wo wir unsere Isomatten und Schlafsäcke ausbreiteten. Als die Drei dann in farbigen Tönen von ihrer Bekanntschaft mit Vassilij, der sie zu einem leckeren Abendessen eingeladen hatte, berichteten, konnte ich gar nicht mehr schlecht gelaunt sein. Ich hätte das ebenfalls gerne erlebt. Nachdem sie alle so betrunken gewesen waren, dass auch Vassilij nicht mehr weiterfahren konnte, hatten sie erneut nach einer Mitfahrgelegenheit suchen müssen. Ein Lastwagenfahrer hatte sie an der dunklen Strasse nur mit viel Überredung und gegen 150 Rubeln mitgenommen. Das war gut so, denn wir hätten sonst nichts zu lachen gehabt an jenem Abend.


Montag, 8. August 2005

Viel zu früh am Morgen klopfte die alte Köchin wild an ihre Ladentür und wollte uns loswerden. Wir rappelten uns auf. Es war brütend heiß draußen. Wir pilgerten die staubige Hauptstrasse entlang auf der Suche nach Trinkwasser. Jan kam übel gelaunt aus einem Laden heraus gestolpert, die Verkäuferin hatte ihn scharf angefahren, warum er seine Ehefrau nachts in Ust’Barguzin alleine stehen lassen würde.

Ust’Barguzin war – harmlos ausgedrückt – ein einziges Drecksloch. Stinkender Müll lag im grau-braunen Staub verteilt. Das Ufer war sumpfig und modrig, dort lagen in Reih und Glied alte verrostete Schiffswracks im Wasser. Es stank nach verrottetem Müll, die 10.000-Einwohnerstadt schien wie ausgestorben. Die paar Seelen, die uns am frühen Vormittag begegneten, waren noch immer oder schon wieder betrunken. Eine alte Frau ließ sich wie eine tote Windrose die staubige Strasse entlang wehen, sie schwankte mehr als dass sie ging. Zwei kleine Jungs bestellten an der Ladentheke vor uns jeweils eine Dose Bier.


Irgendwie wirkte dies Stadt als hätte sich die Welt an diesem östlichen Zipfel des Baikal aufgehört zu drehen, bereits vor Jahren schon. Wie eine Kulisse eines „Wild East“-Films lag die tote Gegend in der sengenden Hitze vor uns.

Gestrandet am Ende der WeltWir mussten nicht lange darüber feilschen, wir waren uns zum ersten Mal wieder einig, dass wir hier nicht bleiben wollten. Wir saßen zwischen all dem herum liegenden Unrat auf unseren Rucksäcken im Schatten. Wie seltsam es war, nach einigen Stunden in dieser Trostlosigkeit auf vier Deutsche zu treffen, die ebenfalls ratlos in Ust’Barguzin umherirrten! Sie waren mit dem Schiff von der westlich gelegenen Insel Ol’chon übergesetzt und wollten weiter nach Ulan Udé. Wir tauschten Informationen, da wir ebenfalls die Route über den See nach Ol’chon geplant hatten. Sie hatten für die Überfahrt 2000 Rubel pro Person bezahlt, doch das konnten wir uns jedoch bei Leibe nicht leisten.

Ein Motorboot zieht heute die Fähre über den FlussDie vermoderten Anlegestellen am Ufer suchten Anne und ich in der trockenen Mittagshitze nach einem noch funktionstüchtigen Schiff ab. Das blau-weiße Boot mit dem stolzen Namen „Nadeschda“, „die Hoffnung“, mit dem die Deutschen in Ust’Barguzin gestrandet waren, war weit und breit nicht zu sehen. Wir überlegten uns eine in dieser Situation angebrachten Verhandlungsstrategie, denn 10.000 Rubel – das hatten wir nicht einmal mehr alle zusammen in der Tasche! Also kauften wir Wodka. Die Ladeninhaberin wollte uns zuerst keinen geben. Sie betonte, dass sie keine Lizenz besäße, am frühen Morgen harten Alkohol zu verkaufen. Wir kauften lächelnd zuerst eine Plastiktüte. Dann kramte sie hinter Pappkartons den Baikal-Wodka hervor. Zwinkernd verließen wir den Laden. Wir einigten uns darauf, dass ich mit dem Fischer trinken und Anne verhandeln würde, vielleicht würde er sich überreden lassen für weniger Geld zu fahren.

Wir suchten nach der blau- weißen „Hoffnung“, bis uns viele Kilometer weiter Fluss aufwärts dieselbige verließ. In ganz Ust’Barguzin lag überhaupt kein funktionstüchtiges Boot am Ufer. Selbst die einstige Fähre über den Fluss lag halb versunken im tiefen Schlamm. Das Ponton-Floß für die Fahrzeuge wurde nur noch von einem kleinen Motorboot gezogen. Neben einem Schrottplatz am Fluss trafen wir auf mindestens 20 stinkende, besoffene Fischer, die mit einem kleinen Motorboot einen viel zu großen, verrosteten Kahn abschleppten.

Die letzten verbliebenen Schiffe im Hafen von Ust’Barguzin

Wir hatten uns eben frustriert wieder zu den Jungs auf unsere Decken gesetzt, als das einzige, lächelnde Gesicht in dieser tristen Mittagshitze direkt auf uns zumarschiert kam. Es war ein freundlich strahlender Ungar, Lazlo. Er war ebenfalls mit Rucksack ausgestattet und fragte uns auf Englisch nach dem Campingplatz. Wir lachten und hießen ihn auf unserer zugemüllten Wiese zwischen den Bäumen willkommen. Er setzte sich und erzählte, dass er alleine auf Hochzeitsreise sei, weil seine Frau arbeiten musste. Die traurige Geschichte passte zu jenem traurigen Ort. Er bot uns an, mit auf Informationssuche zu gehen, er hätte sein altes Wörterbuch aus der Schulzeit dabei. Dann begegneten wir einem weiteren lächelnden Gesicht, einer jungen Polin, die eine Reportage über die Umweltverschmutzung am Baikal recherchierte. Sie gab uns einen Namen und eine Adresse: Sascha, Engel’sa Uliza 8. Er hätte einen Fahrradverleih und kenne jemanden mit einem Boot. Er würde uns weiterhelfen.

Holt mich hier raus!Doch das kleine neue Holzhaus in der Engel’sa 8 war leer, nur ein Hund bellte hinter dem hohen Holzzaun. Wir fragten die Nachbarn, sie wussten auch nicht wo Sascha sich tagsüber aufhielt. Viele Stunden später saß Alex noch immer vor Saschas Häuschen und wartete, während wir uns weiter durch das Dorf hindurch fragten. Doch die Informationen waren so leer und nutzlos wie das Leben an diesem gottverlassenen Fleckchen Erde.
Die alte Fischfabrik im sowjetischen Stil war eine Ruine, so lange war es her, dass sie vom Staat hier vergessen worden war. Von der Fischerei konnte auch niemand mehr leben seitdem die Verwaltung des staatlichen Naturschutzparks Lizenzen erhob. Nur das Sägewerk arbeitete noch, wo täglich ganze Sibirische Wälder für den Export nach China zurechtgestutzt wurden. Die Fähre nach Ol’chon war vor eineinhalb Jahren untergegangen, heute ragte nur noch der Mast aus dem Wasser, die Fähre über den Fluss war vergangenes Jahr gesunken. Hochseeboote über den See? Allgemeines Schulterzucken und Abwinken.

Ich hatte die Suche innerlich bereits aufgegeben und mich mit all den Umständen abgefunden, als Alex strahlend angelaufen kam. Er hatte eine Frau getroffen, die Sascha angerufen habe. Wir würden uns bei der Verwaltung des Naturschutzparks mit ihm treffen. Die Welt drehte sich also doch in Ust’Barguzin, nur viel langsamer und schwerfälliger.

Sascha war der Operator und ein seltsamer Typ. Er war zehn Jahre Milizionär gewesen und hatte dann die Verwaltung des Naturschutzparks aufgebaut und übernommen. Nebenher hatte er einen Fahrradverleih für Touristen laufen und beabsichtigte im nächsten Jahr eine Touristeninformation an der Hauptstraße aufzumachen. Er schien der einzige Mensch in diesem Dorf zu sein, der alle vorhandenen Jobs auf einmal meisterte. Er sah verlebt aus, trug die übliche Camouflage und schraubte unentwegt an seinen Fahrrädern herum als wie ihn hungrig nach Informationen förmlich ausquetschten. Er gab sie uns bereitwillig, schaute aber stets verwegen und lächelte nie. Nur einmal kurz weit in die Ferne blickend erzählte er von seinem Traum: einem Segelboot. Doch der Winter sei zu hart und der Sommer zu kurz, meinte er und reparierte weiter seine Fahrräder. Das Klima würde sich ändern, stellte er vor sich hinbrummelnd fest, vergangenes Jahr sei er im November im T-Shirt draußen gewesen. „Ja, das Leben ist hart hier am Baikal“, sagte er ohne zu stöhnen und ohne zu klagen. Er war nicht so wie die anderen, er war einmal aus Jekatarinenburg hierher gekommen. Auf die Frage warum er geblieben sei, antwortete er nicht sondern verschwand wortlos im Haus.

Große verrostete Verladekrane im Hafen von Ust’Barguzin

Sascha telefonierte lange mit dem Fischer, der regelmäßig zur Insel Ol’chon hinüberfuhr. Er kam mit einem Preisangebot von 500 US-Dollar oder 15.000 Rubel für das ganze Boot zu uns zurück. Der Fischer müsse erst Benzin besorgen und uns ebenso die Rückfahrt mit in Rechnung stellen, er würde außerdem seine Frau und seinen Sohn mitnehmen. Auf dem Boot hätten 10 Personen Platz. Wir nervten Sascha bis er den Kapitän erneut anrief und dieser zehn Minuten später vor uns stand. Der Mann mit der gegerbten Haut guckte misstrauisch, sah nur die Ausländer in uns. Wir argumentierten, dass wir nur Studenten seien und kein Geld hätten, aber schnellsten nach Ol’chon müssten um dann zum Bahnhof nach Irkutsk weiterzufahren. Er starrte durch uns hindurch und ließ seine Frau erklären, warum 500 Dollar das Minimum sei. Unter diesem Preis lief angeblich gar nichts.

Das Delta am Zulauf des BarguzinNiedergeschlagen schulterten wir unsere Rucksäcke und stapften durch den tiefen grau-braunen Sand am modrigen Barguzin-Delta entlang bis zum Baikalsee. Es war bereits dunkel als wir endlich am sechs Kilometer entfernten Strand des Baikal ankamen. Lazlo, der Ungar, begleitete uns. Nach Holz und Tannenzapfen suchend kämmte ich mich im Dunkeln durch das Unterholz als Anne neben mir im Schein der Taschenlampe ein erschrockenes Gesicht machte: Spinnen. Unzählige dicke, langbeinige schwarze Spinnen wuselten über den ockergelben Sand als sie den Kegel der Taschenlampe nach unten richtete. Doch erst im Licht des Lagerfeuers konnten wir wirklich sehen, wie viele es waren. Wir bemerkten, wie sie uns die Hosenbeine hoch krabbelten, auf unseren Pullovern und Armen saßen.


Dienstag, 9. August 2005
Anne, Simone, Grischa, Jan und Alex (von links nach rechts)
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, fielen mir zuerst die Schatten der auf der Zelt-Außenhaut sitzenden Spinnen ins Blickfeld. Es war ein dunkles Muster aus langen Beinen. Ich kroch nach draußen und fegte sie vom Zeltdach. Sie vergruben sie sich im Sand, schneller als ich es bemerken konnte. Dann war der Spuk vorbei. Weit und breit war keine Spinne mehr zu sehen, der Sand funkelte safrangelb im Sonnenschein.

An jenem Morgen trennten wir uns wehmütig. Unsere gemeinsame Reise zu fünft war nun vorbei. Jan und Alex, die den Zug nach Moskau eine Woche vor uns nehmen mussten, wollten heute spätestens Ust’Barguzin verlassen, um dann von Ulan Udé aus wieder mit dem Zug nach Irkutsk zurück zu fahren. Anne, Grischa und ich nahmen uns gemeinsam mit unserem neuen Freund und Gefährten Lazlo vor, hartnäckig und standhaft zu bleiben und weiter nach einem Boot zu suchen.
Wir aßen zum letzten Mal zu fünft aus einem Topf Kartoffeln mit Ketchup zum Frühstück, bevor wir alles notwendige Gepäck neu verteilten und zusammenpackten. Es war ein langer schwerer Abschied an jenem Ende der Welt wo es genau zwei Wege nach draußen geben musste.
Gemeinsam pilgerten wir am Strand entlang nach Ust’Barguzin zurück wo wir Jan und Alex in einen Minibus nach Ulan Udé setzten.

Der Minibus war noch nicht einmal abgefahren, als sich zwei junge Russen auf Fahrrädern nach der Insel Ol’chon erkundigten. Wenige Minuten später standen zwei junge Tschechen ratlos dreinschauend neben uns und fragten uns ebenso nach der Fähre nach Ol’chon. Wir rechneten zusammen: selbst wenn die beiden Jungs nun weg waren, waren wir nun doch zu acht um uns den Preis für ein Boot vielleicht gemeinsam leisten zu können.

Multikulti in Ust'BarguzinDie beiden Russen fuhren mit den Fahrrädern los, um einen ihnen bekannten Kapitän nach einem Alternativpreis zu fragen, während wir erneut Ust’Barguzin nach Sascha durchsuchten, der nochmals mit seinem Fischer sprechen sollte. Während wir noch immer vor Saschas Haus auf unseren Kapitän warteten kamen die beiden Russen mit einem Angebot von 10.000 Rubeln für das ganze Boot zurück. Wir rechneten auf vier verschiedenen Sprachen, zählten unser Geld in drei verschiedenen Währungen. Es war ein heilloses Durcheinander. Als wir uns endlich einig waren hielt ein Auto vor unserer bunten Truppe. Es war Saschas Freund, der Kapitän. Die beiden jungen Russen begrüßten ihn sofort mit Handschlag. Hier wurde plötzlich klar: wir hatten alle nach demselben Kapitän gesucht, nur dass die beiden Russen ihn auf 10.000 Rubel runter gedrückt hatten und derselbige gestern in seinem allerletzten Angebot die unverschämte Summe von 15.000 Rubel von uns haben wollte. Das ist immerhin ein sibirischer Jahreslohn.

Mit seinem Minibus fuhr er uns zu seinem kleinen Kutter an einem halbmorschen Anlegesteg. Dort lagen zwei Boote in der Abenddämmerung nebeneinander: ein neues und ein altes. Die Frau des Kapitäns erwartete uns und machte unmissverständlich klar, dass die beiden Moskauer zu zweit in dem neuen Boot und wir sechs Ausländer in dem alten Boot übernachten sollten. Wenn der Sturm über Nacht nachließe, würde es im Morgengrauen losgehen.

Eine lange Nacht auf dem BootGemeinsam mit den beiden jungen Russen fuhr das Kapitänsehepaar davon. Ratlos saßen wir sechs zurückgebliebenen auf der schwimmenden Blechbüchse. Wir stellten fest, dass sich die Tschechen und der Ungar manchmal ebenso verlassen und unwillkommen in Russland fühlten wie wir. Plötzlich, dort hinten in Sibirien, waren wir alle gemeinsam Europäer.

Das Gefühl der Zusammengehörigkeit verstärkte sich nochmals als die beiden jungen Moskauer mit der Kapitänsfamilie zurückkamen. Unsere Unterhaltung rabiat unterbrechend präsentierten sie uns unverblümt die Neuigkeit, dass der Kapitän ihnen beim Abendessen eröffnet hätte, dass er nun doch 15.000 Rubel für die Fahrt nach Ol’chon verlangen würde. Anne und ich verdrehten die Augen noch bevor wir die Unverschämtheit übersetzt hatten. Die gesellige Stimmung schwang abrupt um, jeder schimpfte auf seiner Muttersprache. Die Moskauer versuchten noch schnell deutlich zu machen, dass sie nichts dafür könnten und dass sie es ebenso dreist fänden. Doch die Fronten waren aus unserem Blickwinkel eindeutig: die Russen versuchten uns gemeinsam über den Tisch zu ziehen. Anne verhandelte heftig und zäh mit den Moskauern, ich übersetzte grob die Positionen und Grischa fluchte laut auf Deutsch im Hintergrund.
Wir waren bereits kurz davor, geschlossen das Boot zu verlassen als die beiden Moskauer einlenkten. Sie erklärten sich bereit, den Aufpreis komplett zu übernehmen, behielten sich aber vor, das gesamte Geld nun sogleich einzusammeln und es persönlich dem Kapitän zu übergeben.

Sämtliches interkulturelles Vertrauen zerbrach hier wie dünnes Glas und klirrte von einem enttäuschten Lachen übertönt zu Boden. Die Blicke, die Anne und ich uns zuwarfen, bedurften keiner Übersetzung, die Moskauer verstanden hier sehr wohl, was wir dachten, egal für wie bescheuert sie uns hielten. Sie mussten nachgeben und uns die Aufsicht über das eingesammelte Geld überlassen. Also legten sie nochmals den Aufpreis von 5.000 Rubeln auf den Geldstapel und schoben ihn Anne zu, sie zählte die Scheine laut und steckte sie ein. Niemand ließ von nun an Anne aus den Augen.

Im Morgengrauen verließ unser Boot den Hafen von Ust’Barguzin

Nach dieser überaus enttäuschenden Auseinandersetzung zogen Grischa und ich los zum nächsten Einkaufsladen, um die noch jungen aber schon zerbrochenen Bekanntschaften mit einer Runde spendiertem Bier und Wodka zu kitten. Schließlich hatte uns der Zufall am Ende der Welt zusammengeführt, um gemeinsam dem Risiko einer 12stündigen Bootsfahrt über den stürmischen Baikal zu trotzen. In diesem Moment sollten Nationalitäten doch keine Rolle spielen, immerhin waren wir alle Reisende und fremd in dieser Gegend, selbst die Moskauer.
Aber spätestens als sich die beiden Russen in ihrer Luxus-Kajüte schlafen legten und wir zu sechst in die stickige Rumpelkammer des alten verrosteten Bootes hineinkrabbelten, gingen wir als Europäer und sie als Russen ins Bett.

Das Flussdelta im Morgengrauen


Mittwoch, 10. August 2005

Der Morgen graute als die Frau des Kapitäns laut an die Kajütentür wummerte. Schweigend und verschlafen verstauten wir unser Gepäck auf dem neuen Boot, setzten uns.
Froh Ust’Barguzin hinter uns lassen zu können, erreichten wir über das Barguzin-Delta den Baikalsee. Der kleine Kahn tuckerte schaukelnd an der Halbinsel „Heilige Nase“ entlang auf die offene See hinaus.
Bereits eine Stunde nach Abfahrt war mir flau im leeren Magen und ich wurde seekrank. Tief durchatmend saß ich an Deck und bestaunte den Sonnenaufgang hinter uns. Den ersten Sonnenstrahlen entlang zurückblickend überkam mich eine tiefe Traurigkeit. Nun änderten wir die Richtung. Nach wochenlanger Orientierung gen Osten schipperten wir von diesem Zeitpunkt an nach Westen. Wir waren auf der Heimreise.
Das mag etwas seltsam klingen, da ja noch zwei Wochen und knapp 9000 Kilometer vor uns lagen. Doch als ich dort an der Reling saß und mich nach Westen abwand, spürte ich die Anstrengungen dieser langen Reise in meiner Seele.


Nirgendwo anzukommen bedeutete stets entweder auf der Hin- oder der Heimreise zu sein. Ein Ziel hatten wir nicht wirklich, geblieben waren wir auch noch nirgendwo. Ich hätte gerne einen Ort oder einen Menschen kennen gelernt, an den ich mich genau und im Detail erinnern konnte ohne nur einfach daran vorbeigerauscht zu sein. Dennoch wollte ich nirgendwohin zurück, im Gegenteil: ich fieberte der wunderschönen Insel Ol’chon entgegen.
Am Mittag lagen wir nach stundenlangem Schaukeln alle gemeinsam seekrank an Deck und wünschten uns endlich auf die Insel, deren felsige Ostküste vor uns aus dem süßen Meer herausragte. Rot gesprenkeltes Marmorgestein glitzerte im Sonnenlicht, die Wellen schwappten an den Felsen empor. Es war unbeschreiblich schön.


Der Kapitän umrundete die Insel nordwärts an der Küste entlang steuernd um auf die Westseite zur einzigen Anlegestelle der Insel zu gelangen. Nachdem wir das Nordkap hinter uns gelassen hatten, bot sich eine einzigartige Aussicht. Wälder und grün bewachsene Hügel, so weit wir blicken konnten!


Die Fahrt an der Küste entlang war ein einmaliges Erlebnis, trotz Übelkeit und direkter Sonneneinstrahlung. Sie kam mir ewig lang vor. Ol’chon ist das gelobte Land der in dieser Region beheimateten Schamanen-Völker wie der Burjaten. Im Schamanismus gibt es keine heiligen Gebäude wie Kirchen oder Tempel. Die spirituellen Orte sind der Natur entliehen, so gilt der vor der Küste Ol’chons herausragende Felsen als heiliger Stein an welchem rituelle Zeremonien abgehalten werden.

Kaum wieder festen Boden unter den Füßen wurden wir am Strand der „Hauptstadt“ von Ol’chon, Chuschir, von betrunkenen Frauen mit Wodka willkommen geheißen. Sie waren Urlauber aus Irkutsk und Urlaub bedeutete, nach guter alter russischer Manier viel zu trinken. Sie tanzten wirbelnd und lachend den Strand entlang, badeten quiekend im eiskalten See und wärmten sich anschließend mit einem weiteren Gläschen in der Mittagssonne wieder auf. Uns war allen noch flau im Magen, wir verabschiedeten uns gleich wieder bevor wir mittrinken mussten. Dann schlenderten wir die Hauptstrasse von Chuschir entlang, kauften Lebensmittel ein und suchten nach dem nächsten Sandstrand um unsere Zelte aufzubauen.

Der Hafen von Chuschir auf Ol'chonNachdem wir die Kühe vertrieben, Feuerholz gesucht und Wasser geholt hatten, fühlte ich mich unendlich schmutzig. Es war bereits dunkel, windig und frisch als wir im eisigen See an jenem Abend baden gingen. Meine Haut war taub als ich aus dem See kam und mich abtrocknete. Schlotternd vor Kälte stand ich anschließend ganz nah am Feuer, irgendwie schien es, als sei der Sommer in Sibirien vorbei. Die Nacht war feucht und der Nebel zog über die Felder.


Donnerstag, 11. August 2005
Wir waren durch und durch nass
Der anrückende Herbst begrüßte uns am nächsten Morgen auf Ol’chon mit Nieselregen. Doch irgendwie wollten wir uns davon nicht unterkriegen lassen und zogen los. Klatschnass von Regen und Schweiß stapften wir über die ewig grünen Hügel. Wie viele Kilometer, das war schwer zu sagen, denn wir konnten einfach unendlich weit sehen! In einem kleinen Waldstück hielten wir komplett durchnässt an und spannten notdürftig unsere Plane zwischen die Bäume, kochten heißen Tee und wrangen unsere nassen T-Shirts aus.

Die dicken grauen Regenwolken hingen tief über dem See und der Regen prasselte auf unsere Zeltplane. Bibbernd vor Kälte träumte ich laut von einer russischen Sauna. Von weitem konnten wir die Dächer der kleinen Holzhäuschen erblicken, erwartungsvoll machten uns auf den Weg dorthin um nach einer Unterkunft zu fragen. Eine sehr alte und gebrechliche Burjatin schickte uns zu einem neuen, größeren Haus um die Ecke, wo eine Frau Zimmer an Gäste vermietete. Für ein paar hundert Rubel konnten wir übernachten, kochen und uns in der russischen Banja aufwärmen.

Zimmer Nr. 106 in XaranzyIhr „Gästezimmer“ war ein einfacher Bretterverschlag im großen Innenhof. Die Zimmer- Nummer „106“ klebte über der niedrigen Eingangstür. In dieser Konstruktion aus Sperrholzbrettern standen vier durchgelegene Betten, in jeder Ecke eins. Der Holzfußboden war nass, es regnete bereits durch die Plastikplane durch.
Unsere feuchten Klamotten hingen über dem heißen Kessel während wir uns in der Sauna aufwärmten, die in einem weiteren Holzhäuschen auf dem Grundstück untergebracht war.
Es regnete in Strömen als wir uns in die feuchten Betten legten, doch an Schlaf war nicht zu denken. Es prasselte laut auf das Dach unseres Bretterverschlags, der Regen suchte sich unentwegt neue Wege durch die Plastikplane. Mehrfach mussten wir die Betten umstellen, damit uns der Regen nicht direkt ins Gesicht tropfte. Wir nahmen es mit Humor. Am nächsten Nachmittag klarte der Himmel auf, die Sonne trocknete unsere Sachen und wir konnten weiter ziehen.


Freitag, 12. August 2005

Ewig weite, grüne Hügel erhoben sich in der Ferne als sich die letzten dunklen Wolken verzogen hatten. Wir schlenderten durch kniehohes Gras, richteten unsere Blicke weit voraus, erreichten so auf unserer einsamen Wanderung Kap für Kap und Bucht für Bucht.


Über diese saftig grünen Hügel zu wandern war wie im Schlaf zu wandeln. Der Boden fühlte sich weich an unter unseren Füßen, rings herum bot die Natur eine unglaubliche Kulisse. Hier ging endgültig der Traum in Erfüllung, den ich mir zuvor ausgemalt hatte. Ich kann es kaum in Worte fassen, wie es sich anfühlte so unendlich viel Freiraum um sich zu haben. Wir hatten kein Ziel als wir fünf Tage lang an der Küste entlang spazierten. Der Weg allein war das Ziel, wir fühlten uns wie Entdecker dieser einmaligen Schönheit: Auf jedem erklommenen Hügel wurden wir, aller Anstrengung zum Trotz, neugierig auf die nächste Sandbucht, auf die nächste einmalige Aussicht hinter dem nächsten Hügel.


Samstag, 13. August 2005

Malerische, einsame Sandbuchten auf Ol'chon Am dritten Tag unserer Wanderung übernachteten wir zum ersten Mal auf unserer langen Reise zwei Nächte an ein und demselben Ort. Es war eine wunderschöne Bucht auf der Westseite. Grischa und Lazlo hatten sich vorgenommen auf einem Tagesausflug den höchsten Berg der Insel zu besteigen. Er ragte mehr als tausend Meter an der Ostküste empor, wir konnten den Gipfel von weitem sehen.
Sie zogen nach dem Frühstück mit einem Kompass bewaffnet los, Anne und ich blieben faul bei den Zelten zurück, räkelten uns müde in der Sonne. Hungrig mussten wir feststellen, dass sich unsere Lebensmittelvorräte dem Ende zuneigten. Als wir in der Nachmittagssonne eingeschlafen waren, fraß uns eine Kuh den letzten Rest Brot weg, also verkniffen wir uns das Mittagessen und warteten bis die Jungs abends ebenfalls ausgehungert von ihrem vergeblichen Versuch den Berg zu besteigen, zurückkamen. Hier wurde klar, dass wir für die nächsten drei Tage irgendwoher Vorräte auftreiben mussten.

Das kleine Dorf Charanzy auf Ol'chonMit knurrendem Magen wanderten Anne und ich die wenigen Kilometer in das kleine Dörfchen, das wir von weitem am Hang klebend sehen konnten. Eine alte Frau verschwand erschreckt in ihrem Holzhäuschen, als wir an ihren Bretterzaun klopften. Das Dorf bestand aus einer handvoll niedriger Holzdächer hinter hohen Holzzäunen versteckt, es wirkte verlassen. Wir steuerten geradewegs auf einen kleinen weißen Minibus zu, der auf der staubigen Strasse vor einem Laden stand und um den sich einige Männer in Camouflage scharrten.
Sie stürmten alle samt nach uns den kleinen Einkaufladen in welchem wir sechs Brote, vier Eier und zwei Kilo Kartoffeln erstanden. Plastiktüten hatten sie in dem Laden nicht, wir stapelten lachend die Brote und balancierten sie gemeinsam mit den Eiern vor die Tür.
Dort wurden wir von den Russen in Militärausstattung auch schon willkommen geheißen. Sie streckten uns ihre soeben im Laden erstandene eineinhalb Literflasche Bier prostend entgegen. „Ihr seid Deutsche. Ich habe drei Jahre in Freiburg gelebt. Trinkt!“ Ich grinste Anne zwinkernd an, als ich die Plastikflasche entgegen nahm. Die Rechnung ging auf: Immer noch von Freiburg erzählend fuhren sie uns zum Zeltplatz zurück nachdem sie in einem Zug das Bier ausgetrunken hatten.

Andrej, Alexej, Nikolaj (von links nach rechts)Alexej war Anfang 40 und kam aus Irkutsk. Er arbeitete als Milizionär und hatte zurzeit Urlaub, den er mit seinen Freunden auf einer Datscha in einem kleinen Dorf in der Nähe verbrachte. Nikolaj guckte genervt drein, er war Kampfschwimmer gewesen und trank auch heute noch kein Alkohol. Mehr hatte er an diesem Abend nicht von sich erzählt. Andrej dagegen verriet mehr als er vielleicht durfte: er arbeitete für den Inlandsgeheimdienst und war ausgebildeter Scharfschütze. Er zeigte mir stolz sein Gewehr als ich in den verrosteten Minibus einstieg.

Grischa und Lazlo hatten die Kartoffeln gerade fertig, als wir mit unseren neuen Bekannten im Minibus angebraust kamen. Sie guckten seltsam drein, als wir ihnen die drei grün-braunen Gestalten vorstellten, die jede Menge Bier und Wodka aus ihrem Kofferraum zauberten und sogleich ausschenkten. Auf gute russische Manier bezeichneten sie sich selbst nicht nur als „Freunde“ sondern als „Brüder“, mittlerweile war uns klar, dass sie sich aus dem Krieg kannten. Ich fragte Alexej warum er seine Sterne falsch herum am Revers trug. Ein Moment lang verschwand das breite Grinsen aus seinem Gesicht. „Schlimme Erinnerungen“, antwortete er. Dann knöpfte er das Revers auf, nahm die Sterne heraus und gab sie uns: „Hier, nehmt sie! Es kommt von Herzen.“ Er kippte uns zuprostend einen großen Schluck Wodka, dann lächelte er wieder.

Andrej zeigt Grischa wie er zielen sollAndrej holte sein Gewehr aus dem Auto und streckte es Grischa entgegen. Hier waren wir wieder an dem Punkt angelangt, an welchem wir erklären mussten, dass es in Deutschland wirklich Männer gab, die noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten.
Mit einem überlegenen Blick drückten sie Grischa die Kalaschnikow in die Hand und zeigten ihm witzelnd, wie er sie anlegen musste. Sie zielten gemeinsam auf einen aus dem Wasser ragenden Stein. Der Schuss ging daneben, die Patrone verursachte ein Kräuseln auf dem stillen Wasser. Die drei russischen Cowboys lachten Anne und mich zwinkernd an, sagten scherzend, dass es ja kein Wunder sei, dass uns die beiden Männer ins Dorf geschickt hätten um Kartoffeln und Brot zu kaufen. Wir lachten mit und sie luden uns ein, ihnen am nächsten Tag auf der Datscha einen Besuch abzustatten. Begeistert ließen wir uns den Weg erklären: acht oder zehn Kilometer Richtung Norden an der Westküste entlang.


Sonntag, 14. August 2005

Gemütlich schlenderten wir am Strand entlang, über die grünen Hügel durch einen Wald an einem Friedhof vorbei. Irgendwann sahen wir in der Ferne ein kleines Dorf, überlegten kurz und gingen dann daran vorbei. Wie weit waren wohl acht bis zehn Kilometer? Wie lange waren wir wohl schon unterwegs? Zeit und Raum waren relativ in dieser unendlichen Weite Sibiriens.

Der für den Baikal typische Omul

Im nächsten Dorf kam uns dann gleich nach dem ersten kleinen Häuschen Alexej entgegen gelaufen. Er strahlte über beide Wangen und nahm uns in die Arme. Seine Frau Olga kam aus einer Tür im Bretterzaun herausgestürzt. Sie begrüßte uns mit den vorwurfsvollen Worten, warum wie denn so spät dran seien, Alexej habe schon den ganzen Tag draußen gesessen und gewartet. „Los, lasst uns baden gehen“, meinte Alexej und rannte zum Strand hinunter.


Es war kalt an jenem Tag doch wir zelebrierten sie mit den Russen das nasskalte Freundschaftsritual, danach gab es jede Menge gegrillten Omul zum Abendessen. Wir tranken bereits Tee draußen am Lagerfeuer als Grischa soeben seinen siebten Fisch an jenem Tag verdrückt hatte und fragte ob er sich auch den letzten noch nehmen dürfte.


Montag, 15. August 2005

Gemeinsames Abendessen mit Alexej, Nikolaj und OlgaWir hatten viel Spaß an jenem Abend mit Nikolaj, Alexej und dessen Frau Olga. Erst spät in der Nacht schlugen wir unsere Zelte neben der selbst gezimmerten Datscha auf.
Viel zu früh am Morgen verabschiedeten wir uns mit schwerem Herzen, um die Strecke nach Chuschir zurück zu trampen, die wir in den vergangenen fünf Tagen zu Fuß gegangen waren.
Doch zuvor ereignete sich noch ein Missverständnis, dem Anne und ich auf den Leim gegangen waren. Wir fragten nach den alten Deutschen, von denen uns Alexej am vorigen Abend erzählt hatte. Er zeigte einen Hügel hinauf und gab uns ein Zeichen ihm zu folgen. Noch unter Stalin waren auf der Insel Ende der vierziger Jahre Arbeitslager für deutsche Kriegsgefangene errichtet worden. Die Häftlinge mussten viele Jahre lang die Wälder roden und Schiffe bauen.

Die Tür der alten LagerbarackeWir wanderten über die Dünen bis Alexej vor einer morschen Holztür stehen blieben, die einsam und schief aus dem metertiefen Sand herausragte. Vier verkohlte Pfosten waren als Umrisse der alten Lagerbaracke noch zu erkennen, ansonsten hatte der Sand die tragische Geschichte bereits unter sich begraben. Wir kletterten weiter den Hügel hinauf, ich war mir sicher, dass irgendwo ein altes Häuschen stehen musste wo wir die letzten, auf Ol’chon hängen gebliebenen alten Deutschen treffen würden.
Die Erkenntnis um dieses Missverständnis war komisch und gleichzeitig zutiefst traurig, denn mitten im Wald blieb Alexej plötzlich stehen und wand sich ab. Zwischen verkohlten Baumstämmen lehnte ein altes, vom Regen ausgewaschenes Holzkreuz schräg im Wind. Unser russischer Freund sammelte eifrig Holzsplitter auf dem Boden zusammen und puzzelte sie zurecht. Das alte Wappentier war undeutlich aber noch zu erkennen: es war ein deutscher Reichsadler, der das Holzkreuz jahrzehntelang geschmückt haben muss. Heute krönte stattdessen eine noch jungfräuliche Zigarette das Kruzifix. Das war das einzige Zeichen, dass auch heute noch jemand den deutschen Kriegsgefangenen gedachte, die im barbarischen Winter 1949 hier ihr Leben gelassen hatten.

Regenwolken über dem SeeDunkle Wolken zogen auf, als wir den kleinen Weg entlang durch den tiefen Sand wateten.
Erst viele Kilometer später hielt ein Auto neben uns. Es begann heftig zu regnen als wir mit unseren schweren Rucksäcken auf die Rückbank kletterten.
In Chuschir angekommen hielten wir vor dem gut sortierten Supermarkt auf der staubigen Hauptstrasse, vor welchem sich die Touristen tummelten. Als der Regen etwas nachließ zogen wir wieder los. Im letzten Dämmerlicht verließen wir das Dorf in südlicher Richtung und suchten uns mehrere Kilometer außerhalb am Strand einen halbwegs trockenen Zeltplatz.
Pfeifend rüttelte der kalte Nordwind am Zelt als wir uns darin zusammenkauerten. Es war kalt, feucht und ungemütlich. Der sibirische Herbst bereitete uns schlaflose Nächte in unseren dünnen Sommerschlafsäcken.


Dienstag, 16. August 2005

Die Meerenge am Kleinen MeerWir streckten unsere bibbernden Glieder der Sonne entgegen als diese am frühen Morgen die letzten Regenwolken verdunsten ließ. Ziemlich unausgeschlafen trotteten wir weiter, die staubige Strasse entlang nach Süden. Neugierig schlurften wir auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit durch die Dörfer. Die vorbeirauschenden Autos machten keinerlei Anstalten uns mitzunehmen.
Es war der alte Valerij aus Angarsk, der Mitleid mit uns schwer schleppenden Wanderern hatte und uns in seinem japanischen Kleinbus mitnahm. Er grinste uns neugierig an als er in seinen Vollbart hineinnuschelnd von seinen vier Kindern erzählte. Valerij hatte eine Woche bei Freunden auf Ol’chon verbracht. Die Frau des Freundes sei Deutsche und lebe schon seit vielen Jahren in Sibirien. „Immer diese Nostalgie!“, stöhnte er herzlich, dabei sei das Leben in Sibirien doch so hart. Wir nickten bedächtig, keine ebenso tragische Floskel parat habend. Die harte Seite des Lebens in Sibirien hatten wir nicht erlebt. Temperaturen von minus 40 Grad lagen jenseits unserer Vorstellungskraft. Dennoch fühlten auch wir uns ausgebrannt von der langen Tour, die Beine waren schwer und die Seele unendlich müde.

Schnell laufend ließen wir das Unwetter hinter unsValerij fuhr uns bis zur Fähre ans südlichste Ende der großen Insel von wo aus wir auf das Festland übersetzten. Dort bogen wir rechts zum „Maloe Morje“, zum „Kleinen Meer“ ab, in welchem die Sonne das Baikalwasser in den flachen Buchten wärmte.
Verschwitzt über Hügel keuchend rannten wir vor der Unwetterfront davon, die regenschwer über der dem See hing. Ein doppelter Regenbogen zeigte uns den Weg dorthin wo die Sonne noch schien. Die Baikalgötter kämpften dicht hinter uns.

Die Ufer der warmen Buchten wirkten von weitem farbenfroh gesprenkelt wie ein Mosaik. Bunte Zeltdächer reihten sich dicht nebeneinander stehend am Strand entlang, Musik hallte über den See und legte sich rabiat über das sanfte Geräusch der Wellen, die sich am Strand brachen.
Skeptisch dreinblickend beobachteten wir das wilde Camping-Treiben von einem Hügel aus, als sich ein Teil des Mosaikmusters plötzlich auflöste und in den See hinein floss: Die jungen Männer der getarnten grün-braunen Brigade rissen sich die Camouflage vom Leib und stürmten ins Wasser. Der Abendappell war noch nicht mit einem letzten Trompetensignal beendet, als wir bereits die Wodkaflaschen klirren hörten.


Zwischen all dem liegen gebliebenen Müll und Plastikunrat fanden wir eine halbwegs grasgrüne Lücke im Mosaik und schlugen unsere Zelte auf. Innerhalb von Minuten war die Sonne hinter den Bergen untergegangen. Der Wind kam schneidend kalt aus Norden. Wir froren an jenen so genannten „warmen Buchten“. Bibbernd zog ich alle Pullis und Jacken über, die ich dabei hatte. Als wir an jenem Abend mit vereinten Kräften uns bemühten, das Lagerfeuer in Gang zu bringen, fasste ich den Beschluss, Sibirien niemals im Winter zu bereisen.

Kalter Wind an den warmen Buchten, vergebliche Versuche das Feuer anzuzündenHunger und Kälte hatte ich schon lange überwunden als wir die Kartoffeln aus dem Feuer holten und endlich soviel Brennholz drauf legten, so dass es warm und hell um uns wurde. Es war bereits mitten in der Nacht.



Mittwoch, 17. August 2005

Die Touristen hinterlassen deutliche Spuren am BaikalWie aus einer Zwiebel schälte ich mich am nächsten Morgen am Wasser stehend aus meinen fünf Pulloverschichten. Eine Gänsehaut schlich an mir hoch noch bevor ich die überschmutzige Hose aus hatte. Ich überwand mich selbst als ich zum letzten Mal das zehn bis zwölf Grad kalte, klare Wasser betrat. Mein Herz raste, der Atem ging schnell. Es war reine Energie, die in diesem See schlummerte. Als ich nach einigen Minuten wieder am Strand stand, war mir nicht mehr kalt.
Den zugemüllten Campingplatz an den warmen Buchten verließen wir ohne einmal zurückzublicken. An der Küste entlang Richtung Fähranlegestelle wandernd, wo die Strasse nach Irkutsk weiterführte, wurde unser Schritt jedoch immer langsamer. Wehmütig blickten wir auf den See hinaus. Ein letztes Mal bewunderte ich ehrfürchtig dieses unbeschreibliche Blau, das der See in all seinen Spektren widerspiegelte, und machte sehnsüchtig seufzend das letzte Foto. Wir winkten dem Baikal zum Abschied zu wie jemandem, dessen Gefährten wir wochenlang gewesen waren. Dann fing es an zu regnen, als weinte der See um sein eisiges, winterliches Schicksal. Wir rannten durch den Regen, über die Hügel in das kleine Dorf, das um die Fähranlagestelle herum gewachsen war. Es trug den abgekürzten Namen „MRS“ für „Malomorskaja Rymontnaja Stanzija“, „Reparaturstation am Kleinen Meer“.


Wie unterhielten uns am Straßenrand darüber wie schön es wäre, auf einer Laderampe sitzend vom Baikal den Weg durch die Berge nach Westen zu fahren, als ein kleiner Transporter mit Laderampe anhielt. Wir jubelten weil die beiden Burjaten uns ein Zeichen gaben aufzusteigen. Ich hielt kurz inne und fragte nach dem heiligen Schmananen-Hügel in der Tažeran-Steppe. „Könnt ihr uns dort rauslassen?“ Sie guckten verdutzt. Wir erzählten von dem 40 Meter hohen Hügel acht Kilometer vor der kleinen Stadt Elancy, noch in der Steppe gelegen. Dort würden die Schamanen ihre traditionellen Feste feiern. Sie nickten beide gleichzeitig und luden unsere Rucksäcke auf.

Traurig rückwärts blickend verließen wir den BaikalWäre die Staubwolke nicht gewesen, die der Wagen auf der sandigen Piste aufwirbelte, hätten wir eine wunderschöne Aussicht gehabt. Die Strasse schlängelte sich über die Berge, viele Kurven boten einmalige Abschiedsblicke auf den Baikal. Dann lag er hinter uns.
Die Bremsen quietschten lange bevor der klapprige Transporter zum Stehen kam. Die beiden jungen Burjaten holten uns von der Laderampe. Völlig verblüfft drehten wir uns mehrfach um die eigene Achse. Wir standen nicht in einer Steppe sondern auf einer knallgrünen, saftigen Wiese. Vor uns ragte eine einzigartige tektonische Plattenverschiebung aus Granit wie ein kleiner Hügel empor. Was das der Hügel „Jord“, um den sich die Schamanen einmal jährlich versammelten, um in einem geschlossenen Kreis festlich darum herumzutanzen? Wir staunten zweifelnd.
Irgendwie war es auch egal. Wir hatten die schönste Wiese aller Zeiten in diesem Tal entdeckt, die Sonne schien und die Schmetterlinge flatterten bunt umher. Wir hatten endlich die Schlechtwetterfront hinter uns gelassen!

Unwetter über dem TalDoch da war es wieder, dieses dumpfe Grollen in der Ferne. Innerhalb von Minuten wurde es dunkel am Horizont und drohende Gewitterwolken sanken insTal hinab. Kaum hatten wir in Windeseile das Zelt aufgebaut und unsere Sachen verstaut, als sich die Hölle über uns auftat. Es regnete nicht nur, es hagelte. Am Fuße jenes heiligen Berges wollte uns der Baikal ein letztes Mal seine Macht demonstrieren. Es kam mir so vor, als hagelte es nur für uns.


Donnerstag, 18. August 2005

Soll diese Wiese eine Steppenlandschaft sein?Ich wartete sehnsüchtig zitternd auf die allerersten Sonnenstrahlen als ich mich nachts im Zelt hin und herwälzte um nicht einzufrieren. Ich kroch nach draußen und beobachtete wie sich die Nebelfelder über der Wiese auflösten, ein Fohlen graste neben unserem Zelt. Es war mehr als nur ein Postkartenanblick - es war real und es roch nach Leben.

Die vier jungen Russen, die uns wenig später auf der Straße Richtung Elancy aufgabelten, waren schon betrunken als wir zu ihnen in den Minibus stiegen. Sie ließen die Flasche herumgehen während sie uns erzählten, dass sie auf einer Touristenbasis am Kleinen Meer arbeiteten und auf dem Weg zur nächsten Tankstelle seien. Wir unterhielten uns noch lange nachdem wir in der Kleinstadt angekommen waren. Ein sternhagelvoller, uralter Burjate gesellte sich dazu und zählte immer wieder auf Deutsch von eins bis zehn, das hatte er einmal in der Schule gelernt. Der Rest der Sätze ging in seinem Vollrausch unter. Ein wenig später kam eine ebenso betrunkene wie alte Frau aus dem nächstgelegenen Haus gelaufen und zerrte ihn wild schimpfend am Kragen nach Hause. Was für ein ungewolltes Abschiedsdrama.

Betrunkene BekanntschaftenAn jener vermeintlichen Hauptverkehrsstrasse in Elancy warteten wir lange bis ein Auto vorbeifuhr. Zuerst hatten wir noch beschlossen, auf ein „schnelles“ Auto zu warten, um die 250 Kilometer nach Irkutsk am selben Tag zurück zu legen. Doch nach einigen Stunden waren wir überhaupt schon froh, wenn irgendein Fahrzeug vorbeikam. Es war ein blauer Lada mit übergroßen Pepsi-Aufklebern, der anhielt. Wir hatten Glück, unser Fahrer erwies sich als ein unter Stress stehender Getränkevertreter, der dringend nach Irkutsk musste. Er raste unaufhaltsam durch die Schlaglöcher, dabei roch es nach heißem Reifengummi. Schneller als irgendwie gedacht erreichten wir so nach einigen Zwischenstopps an Pepsi-Kiosken Irkutsk.

Es war wie ein Déjavue als wir wieder auf unseren Rucksäcken vor den frisch gestrichen Bahnhofshallen in der Sibirischen Hauptstadt saßen und nicht wussten auf was wir warteten.
Andrej servierte uns das erste gepflegte Essen nach WochenDer Zug nach Moskau fuhr erst in 24 Stunden und unser Geld reichte keinesfalls für ein Hostel. Anne zückte zwinkernd die Telefonnummer von Andrej, unserem Transsib-Zugschaffner, und telefonierte: „Privet Andrej, kak dela…?“, „Hey Andrej, wie geht es? Hier spricht Anne, du erinnerst dich? Wir sind wieder in Irkutsk, unser Zug geht erst morgen. Wollen wir uns auf ein Bier treffen?“ ich hörte ihn durch das Telefon hindurch lachen. Deutsche Mädchen und russisches Bier, davon ließ er sich begeistern. Eine halbe Stunde später holte er uns am Bahnhof ab.

Andrej und Anne mit SchaffnermützeWir spendierten das Bier und er lud uns in seine Einzimmerwohnung ein zum übernachten. Er wohnte dort mit seinem älteren Bruder, der Solitär spielte und uns dann ein leckeres Essen kochte während wir das Badezimmer unter Wasser setzten.
So seltsam das klingen mag, aber es fühlte sich heimelig an, wieder zwischen vier gemauerten Wänden im dritten Stock um einen Tisch herum zu sitzen und von gepflegten Tellern zu essen.

Es war ein wunderschöner Abschiedsabend mit viel Spaß und interessanten Geschichten. Wir erzählten ihm alles vom Baikal und er erzählte uns alles über sein Leben. Er zeigte uns Fotos von seiner Kindheit in Kasachstan und erzählte wie er als Junge auf dem Balkon stand und von weitem die Raketenstarts mitverfolgen konnte. Dann kramte er aus einer Kiste unter dem Schrank einen Ausweis hervor, der offiziell bescheinigte, dass er in einem nuklearen Testgebiet aufgewachsen war, damit durfte er kostenlos Zug fahren. Andrej war erst 21 Jahre alt und hatte doch eine sehr sowjetische Kindheit erlebt. Manchmal ist das Leben mehr als ironisch. Immerhin studierte er heute an der Eisenbahn-Akademie und arbeitete in den Semesterferien als Zugschaffner, fuhr also permanent kostenlos mit dem Zug zwischen Moskau und Irkutsk hin und her.


Freitag, 19. August 2005

Die traurige Robbe im Aquarium in IrkutskEs war schön, die Zivilisation in Irkutsk langsam und gemächlich wieder aufzusaugen und auf sich wirken zu lassen. Ich fühlte mich wie eine gestrandete Wilde als ich mit meinen schmutzigen Hosen durch die gepflegte Innenstadt spazierte. Die Russen in ihren blitzblank polierten Lackschuhen guckten grimmig an mir herunter.
Im Aquarium bestaunten wir zum ersten Mal mitleidig eine lebendige Baikalrobbe, die in einem viel zu kleinen Becken planschte. Es war nicht schön anzusehen und irgendwie auch traurig, dass wir den weiten Weg um und über den See gemacht hatten ohne eine einzige dieser einzigartigen Süßwasserrobben je in freier Wildbahn zu Gesicht bekommen hatten.

Fußfesseln und Arbeitsgerät der DekabristenIch war froh als wir endlich aus dem tristen Aquarium draußen waren und zum Dekabristen-Museum weiter schlenderten. „Dekabr“ ist das russische Wort für Dezember. Es war der Monat im Jahr 1825 als der russische Adel beeinflusst von der Französischen Revolution einen Aufstand gegen den noch jungen Zaren Nikolaj I. anführten. Doch der gescheiterte Aufstand und die anschließenden Schauprozesse fanden viele tausend Kilometer entfernt in der damaligen Hauptstadt Sankt Petersburg statt. Die Geschichte der „Dekabristen“ begann in Sibirien erst mit der darauf folgenden Verbannung der Revolutionäre, denen sämtliche Adelstitel enthoben wurden. Doch die tragischen Heldinnen dieser Geschichte waren die Frauen der nach Sibirien ins Straflager Verbannten. Sie unterzeichneten einen Vertrag mit dem Zaren, in welchem sie den Verlust aller Reichtümer in Kauf nahmen um ihren Männern zu folgen. Nicht nur für die kulturellen sondern auch für den gesellschaftlichen Fortschritt Sibiriens und seiner Hauptstadt hatten diese Ereignisse weit reichende Konsequenzen. Aber genug dazu, ich erzähle jetzt meine eigene Geschichte zu Ende.

Auf nach Moskau!>Andrej und sein Bruder brachten uns am späten Nachmittag zum Bahnhof. Grischa hatte sich übel den Magen verdorben, er war leichenblass und ihm war hundeelend. Irgendwie waren wir gar nicht so traurig darüber, die Heimreise nun endgültig anzutreten. Die viertägige Zeitreise durch die Taiga verschaffte uns die Gelegenheit, das Erlebte weit hinter uns zu lassen. Ich hatte unendlich viel Zeit nachzudenken, die Reise Revue passieren zu lassen und die Erfahrungen zu verarbeiten.


Erst als wir an dem einsam im Ural stehenden Obelisken vorbeirauschten, der den Grenzstein zwischen Europa und Asien markiert, überkam mich langsam schleichend das Bewusstsein, dass nun der Traum zu Ende ging, der Traum vom einsamen und wilden Sibirien.


Doch es war nun nicht mehr nur ein Traum. Es war real, sehr real. Ich spürte jeden zurückgelegten Kilometer in meinen müden Beinen und sobald ich die Augen schloss, erlebte ich in meinem Kopfkino die Reise noch einmal. Diese Erinnerungen beweisen, dass unsere Tour um den Baikal kein einfacher Traum war, sondern die Realität manchmal schöner ist als alle Traumlandschaften zusammen. Denn Träume sind vergänglich, nur Erinnerungen bleiben.

Wenn ich heute in Berlin vor meiner Russland-Karte stehe und den lang gezogenen blauen Tintenklecks an der Südflanke betrachte, dann sehe ich dort keinen Traum mehr, sondern unzählige Bilder von wunderschönen Landschaften.


Simone Schlindwein / November 2005


Die Autorin:
Simone Schlindwein, 25 Jahre
Studentin und Journalistin in Berlin
Studium der Geschichte und Internationalen Politik an der Humboldt Universität sowie der Osteuropastudien an der Freien Universität
Kontakt: Simone.Schlindwein@gmx.net

 






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