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Führung durch drei Spielstätten der Freien Szene Berlin

Wolltet ihr die Theater auch einmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten als immer "nur" vom Zuschauerraum? Die Livekritikerin Nicole Haarhoff präsentiert in ihrem Blogbeitrag eine ganz besondere Führung durch Berlin:

Es gibt unzählige Führungen durch Berlin, die auch für die Einheimischen spannend sind. Aus den ungewöhnlichsten Blickwinkeln kann man die Stadt betrachten. Für mich als begeisterte Theaterbesucherin war die Entdeckung, dass es Spielstättenführungen gibt, eine freudige Überraschung. Theater mal auf eine ganz andere Art und Weise zu entdecken, als am Abend zu einer bestimmten Vorstellung zu gehen – das klang spannend! Und dazu auch noch das ungewöhnliche Thema „U8 – Arterie der Avantgarde“: drei Spielstätten der Freien Szene Berlin stehen auf dem Plan, die sich alle entlang der Strecke der U-Bahn Linie 8 befinden.

Wir starten an der Haltestelle Pankstraße. Vor der St. Pauls Kirche erwartet uns Susanne Chrudina, Regisseurin und Autorin, Mitbegründerin und Künstlerische Leiterin einer Gruppe der Freien Szene, den spreeagenten. Die sympathische junge Frau stößt eine kurze Vorstellungsrunde an und es stellt sich heraus, das neben vielen passionierten Theaterbesuchern auch einige angehende Schauspieler und Theaterleute unter uns sind.
Nach einem kurzen Fußmarsch durch den novemberkühlen Wedding erreichen wir die Uferstudios. Ehemals Heimat der Berliner Pferdeeisenbahn, später Werkstatt der BVG, befinden sich dort nun Studios, Büros und Künstlerateliers, in denen Mitglieder der Freien Tanzszene von Berlin proben und arbeiten können. Wir haben Glück und können nach einem kurzen Rundgang über das Areal einen kleinen Teil eines aktuellen Programms sehen. Die Choreographin Ania Aristarkhova übt gerade mit ihren zwei Tänzern das Stück „Duett für zwei Zungen“ ein. Sie haben es bereits gezeigt, hatten dann allerdings eine Weile Aufführungspause und müssen nun vor der Reise zu einem Theaterfestival wieder „reinkommen“. Der kurze Einblick in die Performance erzeugt bei uns Zuschauern vor allem eins: Stirnrunzeln. Danach ist dann allerdings Zeit für eine Fragerunde und die junge Künstlerin erklärt, was sie aussagen möchte und was die Idee hinter den beiden Zunge-kreisenden jungen Leuten auf der Bühne ist und uns wird einiges viel klarer! Eine solche Erklärungsrunde hätte ich bei diversen von mir besuchten Performances und Stücken sehr begrüßt.

Auf unserem Weg zurück zur U-Bahn beantwortet Susanne Chrudina viele Fragen zum Thema Freie Szene, spricht über Finanzierung und Förderungsbeantragung. Die Sophiensäle, die Spielstätte die wir als nächstes besuchen, blicken ebenfalls auf eine abwechslungsreiche Vergangenheit zurück. Einstmals Versammlungsort des Berliner Handwerkervereins, trafen sich dort später revolutionäre Linke wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Danach diente der große und verwinkelte Gebäudekomplex lange Zeit als Werkstatt für das Maxim Gorki Theater. Seit 1996 wird es nun als Spielstätte für Freies Theater genutzt. Wir dürfen neben dem regulären Saal auch den kleineren Hochzeitssaal besuchen und traben dann auf geheimen Wegen weiter zu unserer letzten Spielstätte des Tages: der Vierten Welt.
Die Vierte Welt Kollaboration befindet sich am Kottbusser Tor, in einem der vielleicht hässlichsten Wohnhäuser Berlins, dem mehr als tausend Menschen beherbergenden Kotti-Moloch. Hier empfängt uns der sehr sympathische Dennis Daniel, der extra für uns Theaterscouts einen kleinen Film zusammengestellt hat, mit dem er die Arbeiten der Vierten Welt etwas näher beleuchten möchte.
Als Ort ist die Vierte Welt eher unspektakulär: eine ehemalige Arztpraxis, 120 m² mit weißen Wänden und vielen Vorhängen, die man immer wieder anders gestalten und bespielen kann. Dafür klingen die Projekte des Hauses umso spannender: es gab zum Beispiel „der Block“ eine Veranstaltungsreihe in der das Haus und seine Bewohner eine wichtige Rolle spielten und auch gemeinsam mit den Besuchern begangen wurden.
Oder die aktuelle Serie, bei der Philosophen einen Text extra für die Vierte Welt verfassten, in dem sie kurz ihre Thesen, ihr Thema, ihre Gedanken darstellen. Daraus produzieren dann eine Gruppe Schauspieler eine ganze abendfüllende Performance.

Die Führung hat nicht nur Spaß gemacht und war sehr interessant, sie gab auch einen kleinen Blick in ein Thema, dass ich als Theatergängerin bisher zugegebenermaßen nur am Rande gestreift habe: Die Freie Theaterszene von Berlin ist so groß und unübersichtlich, es gibt so wahnsinnig viele tolle Gruppen und interessante Projekte, aber oftmals, so scheint es, geht man unwillkürlich die bekannten Pfade, sieht die großen, werbungsstarken Stücke.
Theaterscoutings strahlt mit seinen Führungen einen Spot auf ganz unterschiedliche Orte und Projekte und macht damit Appetit auf mehr!

Uferstudios © promo Uferstudios
Sophiensäle Festsaal © Joe Goergen
Vierte Welt © promo Vierte Welt

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